Aufsatz 
Die ältesten alliterirenden Dichtungsreste in hochdeutscher Sprache : das Hildebrandslied, die Merseburger Zaubersprüche, das Wessobrunner Gebet und Muspilli : berichtigte Urschrift mit metrischer Uebersetzung in der ursprünglichen Versform und Anmerkungen / von H. Feussner
Entstehung
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Die ältesten alliterirenden Dichtungsreste in hochdeutscher Sprache.

Ueberreste heidnischer Dichtungen.

Jeue frubsten Jahrhunderte unsrer gesehichtlichen Vorzeit, wo unsere Vorfabren noch ihrem heidnischen, aus dem ureigensten Geiste des Volkes hervorgegangenen Gotterglauben an- hingen, sind wir im Allgemeinen noch immer gewohnt, uns zu sehr in Barbarei, Roheit und Geistesfinsterniss versunken vorzustellen. Die Ergebnisse der fortgesetzten Geschichts-, Sprach- und Alterthumsforschung lassen immer deutlicher erkennen, dass in jenen Zeiten nicht nur, wenn wir das Ganze ins Auge fassen, bereits ein mensechlich edlerer Bildungs- und Gesittungszustand Wurzel gefasst, sondern dass auch von dieser rein volksthümlichen ersten Gesittung getragen, die Dichtkunst damals schon eine erfreuliche und reiche Entfaltung bei unserem Volke gewonnen hatte.

Mit Aufgebung des alten väterlichen Glaubens verlor diese in seinem Schoose herangewach- sene Dichtung einen Theil des DBodens, dem sie entsprossen war, und zwar gerade denjenigen, aus welchem ihre kräftigsten VVurzeln sich genàhrt, aus welchem sie die edelsten Lebenssäfte gesogen. Angenblicklicher Ersatz von der neuen, fremd an das Volk herangetretenen christli- chen Religion war nicht zu gewarten; denn che von ihr aus das Volksgemüth sich schöpferisch angeregt fühlen konnte, musste es erst sich tiefer in sie versenkt, musste die theilweis angstliche Befangenheit ihr gegenüber, die gegen das richtige Verständniss anzustossen farchtete(wir sehen sie noch deutlich bei Otfried ausgesprochen), dem Gefühl voller Sicherheit und freier DBewegung in ihr Platz gemacht haben. Schon aus dem Grunde würde sich die Diehtkunst nicht ohne Un- terbrechung auf der errungenen Hohe erhalten haben. Um so weniger konnte sie dies, als mit der neuen Religion zugleich auch eine fremde Bildung und was schlimmer war, auch eine fremde Sprache, die römische, mit hereindrang, und die heimische bei dem geistig gebildetsten Theil des Volkes in Missachtung zurückdrängte. Dadurch ward auf Jahrhunderte hin ein fortschrei- tender Verfall der bis dahin in unbeengter Geistesregsamkeit kräftig erblühten alten Volkspoesie entschieden, und mit ihm, als unabtrennliche Folge, hielt das Sinken der Sprache gleichen Schritt.

Zwar erkanate Rarl der Grosse, dessen freier, jedem grossen Eindruck offener Geist sich gern dem gemutherhebenden Einfluss der alten Heldengesänge seines Volkes hingab, mit riehtigem Blick den kostharen Schatz, der für die Bildung des Volkes in der heimischen Dielttung und Sprache gegeben war, und traf Massregeln beide zu erhalten und neu zu beleben. Auch hatten

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