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man die mangelhaft überkommene Gestalt, so weit es gehen kann, wieder zu ihrer ursprünglichen Integrität zurückführe und mithin das Fehlende im Geist ergänze. Dies kann aber nicht befriedigend gelingen, wenn man es dem Zufall und dem Augenblick überlässt. Es will mit Ausdauer und von den Rräften mehr als eines Mannes versucht sein: denn nur der Widerspruch der Ansichten bringt am Ende das Wahre an den Tag. Zu dem Ende aher muss man wagen, etwas Bestimmtes hinzustellen, und es dürfte der vorliegende Versuch bei dem gegenwärtigen Stand der deutschen Sprachwissenschaft nicht mehr vorzeitig kommen.— Sodann aber darf man nieht denken, dass man, wie es beim ersten Bliek wohl den Anschein haben kann, auf diesem Wege Gefahr laufe, Willkür an dem handschriftlichen Text zu üben; es ist vielmehr dieser Weg der beste, die Willkür auszuschliessen, und leistet für die Anordnung des Textes, namentlich für die metrische, ungefähr dasselbe, was die Probe bei einer ausgeführten Rechnungsaufgabe. Hätte man z. B. bei dem neueren Versuche, das IHildebrandslied und Muspilli in Strophen abzutheilen, sich die Probe auferlegt, jede angenommene Lücke statt mit Punkten mit Worten und Gedanken auszu- füllen, die sich dem Vorhandenen so anschlössen, dass Alles sich ohne Störung und in einem Guss be- friedigend an einander füge, so würde, glaube ich, der Versuch als unstatthaft sich ausgewiesen haben.
Es versteht sich, dass die Ergänzungen stets von dem überlieferten Text kenntlich gesondert gehalten werden müssen. Zu dem Ende habe ieh dasselbe Mittel gewählt, welches W. Grimm bei den Ergän- zungen zum Grave Ruodolf angewandt hat, nämlich den Rothdruck; doch bedaure ieh, dass er nicht gleich vollkommen ausgefallen ist.
Die Uebersetzung ist beigegen worden, einmal weil sich durch sie die Auffassung des Ganzen und manches Einzelpunktes am kürzesten angeben liess; besonders aber aus Rüeksicht auf die allgemeinere Bestimmung einer Schulschrift, wie dieser, welche ihrem Gegenstand zugleich die Theilnahme eines grössern gebildeten Leserkreises gewinnen soll. Die ursprüngliche Versform wurde bei Auferti- gung derselben beibehalten, um so dem der ältern Sprache nicht kundigen, aber doch für die frühern Zustände unserer Literatur sieh interessirenden Leser wenigstens einen annähernden Begriff von der for- mellen Beschaffenheit unserer ältesten alliterirenden Dichtung zu geben. Auch die den einzelnen Stücken vorausgeschickten Einleitungen haben mehr diesen allgemeineren Zweck im Auge.
Die zweite Ahibheilung dieses Schriftchens, welche einen Abriss der altdeutschen Versbildung und die Anmerkungen zu den vier letzten Stücken bringen soll, wird in einem der nächsten Programme des Gymnasiums nachfolgen.
Sollte bei der vorliegenden Bearbeitung dieser Dichtungen ein oder das andere wissenschaftliche Hilfsmittel, eine oder die andere wissenschaftliche Leistung, welche Beachtung verdient hätte, unbenutzt geblieben sein, so möge es der kundige Leser mit der Schwierigkeit entschuldigen, womit in einer Stellung, wie der meinigen, der gelehrte Apparat beizuschaffen ist.
Schliesslich ersuche ich den Leser folgende Druckfehler, die mir aufgestossen, berichfigen zu wollen:
S. 8 Vers 539 setze man einen Pankt nach orfe.
— Vers 30 tilge man den Circumſtex auf sehsfic.
— Vers 62 tilge man in énkgert den Circumflex über d. S. 9 Vers 13 ist st. apir zu lesen mir.
S. 21 Z. 12 v. u. ist st. nichfs zu lesen nichf.


