Vorwort.
DD.. ich mit gegenwärtiger Bearbeitung der ältesten Denkmäler deutscher Dichtkunst ein Feld betrete, auf dem ich im Grunde mehr Dilettant als Mann vom Fach bin, hat einen doppelten Veranlas- sungsgrund. Zunächst waren es vergleichende Studien der griechischen, lateinischen und deutschen Metrik, welche Veranlassung gaben, auf diese deutschen Dichtungsreste frühster Zeit näher einzugehen. Dieses Eingehen liess bald gewahren, dass der gangbare Text unter metrischem und allgemein kritischem Gesichtspunkt noch mancher Berichtigung bedürfe, und dass diese auch nuf möglichst sicherer Grundlage ausfübrbar sei. Denn geradle die alliterirende Versform gibt mehr als jede andere eine hilfreiche Führe- rin ab zur Erkennung des Feblerhaften und Wiederherstellung des Richtigen und Aechten. Ein zweites belangreiches flilfsmittel liegt bei diesen Dichtungen in dem sorgsamen Achten auf die innern Bezüge der Destandtheile des einzelnen Gedankens und der ganzen Darstellung, denn logisch- gesetzmässige Anord- nung und ebenmässige Gliederung der Gedanken ist ihnen durchgängig eigen, und demjenigen Gedicht, welches hier ihre Reihe eröffnet, in ausgezeichnetem Grade. Verbindet sich daher mit diesen beiden Mitteln eine genaue Erwägung der grammatischen Satzform und des Sprachgebrauchs, so hat diejenige Gattung von Kritik, welche für diese Dichtungen, bei welchen nicht mehrere Handschriften zum Ver- gleich vorliegen, allein in Amwendung kommen kann, die höhere, drei solche Anhaltspunkte, wie sie sich selten vereinigt finden. Mit Hilfe ihrer suchte ich mir für meinen Zweck einen sichern Text herzu- stellen, und ich möchte nun das so Gewonnene zu ceigner Belehrung und, wo möglich, zum Besten der Sache— dem Läuterungsfeuer der gelehrten Beurtheilung ausselzen, wenn es anders deren würdig erscheint.
Eine zweite Veranlassung, auf diese Denkmäler einzugehen, gah der Umstand ab, dass vor einigen Jahren an unserem Gymnasium, wie jetzt wohl an den meisten, das Bedürfniss sich geltend machte, dem Unterricht in der Muttersprache durch Zurückgeben auf ihre frühere Beschaffenheit eine sichere geschicht- liche Grundlage zu geben, und dieser Unterrichtszweig in meine Hand gelegt wurde. Als vorzugsweise bei der Einführung in die Kenntniss unserer ältesten Sprache und Literatur zu gebrauchende Lesestücke empfahlen sich gerade diese Dichtungen; doch erschwerte die theilweis lückenhafte Gestalt, in der wir sie überkommen haben, ihren Gebrauch für die Schule. Dies führte zu dem Versuch, die Lücken der handschriftlichen Texte zu ergänzen, und die Erfahrung hat mich belehrt, dass diese Stücke so an Brauch- barkeit für die Schule, welche bei diesem Unterrichtszweig namentlich auf Zeitersparniss bedacht sein muss, gewonnen haben. Ich glaubte daher durch ihre Veröffentlichung auch diesem Theile des deutschen Sprachunterrichts einen kleinen Dienst zu leisten.
Doch bin ich der Ansicht, dass das Ergänzungsverfahren, welches von mir eigentlich nur zum Besten der Schule eingeschlagen worden war, auch den Zwecken der Wissenschaft diene. Denn um zu einem
richtigen Urtheil über den künstlerischen Werth jener alten Dichtungen zu gelangen, ist es nöthig, dass


