Aufsatz 
Gergovia. Eine Cäsarstudie auf Grund eigener Anschauung
Entstehung
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So sah es aus, wenn Cäsar nach dem Feinde blickte; schaute er rückwärts nach seiner Etappenstrasse, nach den Verstärkungen der Aduer mit seinen Truppen allein und dem, was er aus der Umgegend an Proviant etwa erbeuten konnte, war nichts zu erreichen, so sah es ebenso trostlos aus. Trotzdem dachte er zuerst ernstlich an die Möglichkeit, die günstigsten Voraussetzungen, nämlich Proviant und Truppen der Aduer, angenommen, doch eine Um- lagerung durchführen zu können!. Jedenfalls suchte er zunächst in dieser Richtung nach Vorteilen, um wenigstens seinen Soldaten Hoffnung zu machen und den Feinden zu zeigen, dass er nicht untätig sein wollte oder sich nur auf die täglichen Reiterscharmützel zu be- schränken vorhabe?. Er suchte einen Punkt zu gewinnen für eine einigermassen beherrschende Stellung; dieser Punkt war gegeben im Roche blanche, einem Felsen, der eine kleine Festung für sich bildetö. Nach Osten und Süden fällt der weisse Kalkfelsen schroff ab, so sah ihn Däsar von seinem grossen Lager aus, von Westen her ist er zu erreichen und nach Nord- westen zieht eine verbindende Höhe nach der Westecke von Gergovia, nach dem Col des Goules.

Vercingetorix hatte natürlich die Wichtigkeit dieses Punktes auch erkannt und ihn be- setzt, aber nur schwach, sodass Cäsar eines Nachts die Besatzung überrumpeln konnte. Er legte, wohl unter dem Schutze der Reiterei, sein kleines Lager dort an und verband die beiden Lager immerhin eine Entfernung von 2 3 km mit einem Doppelgrabenꝰ?.

Für den Augenblick war die Einnahme dieser Stellung ein grosser Erfolg, und wir müssen uns wundern, dass Cäsar so wenig darüber sagt. Vercingetorix hatte den Roche blanche nicht umsonst besetzt, als einzig vorgeschobenen Punkt ausserhalb seiner Befestigungs- linie. Von hier aus sah man nämlich alles, was in Gergovia vor sich ging, von hier aus allein war in der Umlagerung nach Westen weiter zu kommen, von hier aus allein war der Zugang zu dem Sattel im Westen Gergovias, der für eine etwaige Einnahme der Stadt in Betracht kam, wenn man nicht weit ausholen wollte um die Höhen von Jussat und Risolles herum. Weshalb schützte Vercingetorix diesen Punkt nicht genügend? Hat er sich so ohne weiteres diese Stellung nehmen lassen? Hat er nicht versucht, die Verbindung mit dem grossen Lager zu hindern? Von alledem hören wir nichts, doch scheint gerade daraus her- vorzugehn, dass der Widerstand der Gallier nicht heftig gewesen sein kann. Vercingetorix rechnete eben damit, dass mit dem bevorstehenden Abfall der Aduer Cäsar doch verloren sein werde. Warum also noch Menschen opfern? Cäsar selbst? Er hat vielleicht später, als er das Kapitel schrieb, es nicht mehr für der Mühe wert gehalten, über diesen augen- blicklichen Erfolg viel Worte zu machen, da die Besetzung dieses Punktes schliesslich doch die Bedeutung im Verlauf des Kampfes nicht gewonnen hat, die sie hätte haben können, wenn Cäsar die Umschliessung, wie anfänglich beabsichtigt, hätte durchführen können.

Was Cäsar als das Schlimmste befürchtet hatte für seine Kriegführung, war tatsächlich eingetroffen: Die Aduer waren seine Feinde. Vom ersten Moment an war es(äsars haupt- sächliche Sorge gewesen, sich die Bundesgenossenschaft der Aduer zu erhalten. Er hatte

¹ Vgl. Kap. 36, 1 de obsessione non prius agendum constituit, quam rem frumentariam expedisset.

² Vgl. Kap. 36, 4.

s Vgl. Kap. 36, 5 Erat e regione oppidi collis sub ipsis radicibus montis egregie munitus atque ex omni parte circumcisus.

¹ Wir erreichten auf unserer Wanderung den Roche blanche, indem wir vom Col des Goules die Schluchten des Jussat hinabstiegen bis ins Tal des Auzon, vom Dorfe Roche blanche uns dann wieder zur Höhe hinauf wandten.

5 Vgl. Kap. 36, 6, 7.

6 Vgl. Kap. 36, 1; Jull., H. d. I. G. III, 470..