Aufsatz 
Gergovia. Eine Cäsarstudie auf Grund eigener Anschauung
Entstehung
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Ostseite des Berges möglich war; von Norden her an den Berg heranzuziehn und sich davor zu legen, hatte keinen Zweck, denn hier waren die Abhänge zu steil und ein Angriff aus- geschlossen. Westwärts um den Berg zu ziehen, war auch unmöglich, denn in die schmalen Täler und dichten Wälder konnte er sich mit seinen Legionen nicht wagen. Um den Berg herumzuziehen und sich gleich zwischen das Plateau und die Berge im Süden zu legen, war auch nicht ratsam, da Cäsar die Verbindung nach Norden frei haben musste. Von dort er- wartete er die Aduer, und hier war auch seine Etappenstrasse, von der ihn sonst die Gallier leicht hätten abschneiden können. Also der gegebene Punkt für sein Lager war vorläufig im Südosten der Höhe, dort haben die Ausgrabungen den Platz ergeben.

Cäsar spricht nur ganz kurz über die Lage der Stadt, von der er sich an jenem fünften Tage selbst-rasch einen UÜberblick verschaffte. Zwei Möglichkeiten standen ihm jetzt offen: Entweder er nahm die Stadt im Sturm, das erkannte er sofort als unmöglich, oder er richtete sich für eine Umlagerung ein. Auch das bot die grössten Schwierigkeiten und war nicht durchzuführen, solange er nicht über grössere Truppenmassen verfügte und die Verprovian- tierung nicht geregelt war. Soweit deutet Cäsar selbst seinen Plan an, geht dann aber sofort zur Beschreibung der feindlichen Lager über und gibt die Anordnungen an, die Vercingetorix zur Übung seiner Truppen traf. Er lenkt gewissermassen den Leser ab von den Schwierig- keiten, die er deutlich sah, und erwähnt rasch seinen ersten Erfolg. Aber wenn man an Ort und Stelle den Text liest, weiss man, was Cäsar damit ausdrücken will, wenn er sagt: horri- bilem speciem praebebat. Da kann man sich eine Vorstellung machen von der verzweifelten Lage, in der sich der Prokonsul damals befand.

Am ersten Osterfeiertag 1908 besuchte ich von Clermont aus mit einem Studienfreunde Gergovia. UÜber Beaumont führte der Weg nach Romagnat über flache Erhebungen, durch Weinberge mit blühenden Pfirsichbäumen, die sich über Nacht mit dickem Schnee bedeckt, hatten. Von Romagnat aus beginnt der Aufstieg auf das Plateau von Gergovia(744 Meter). Steil geht es hinauf auf schmalem Pfad in Serpentinen, durch Steingeröll; terrassenförmig baut sich das Ganze auf. Oben von dem flachen Plateau, das sich von Osten nach Westen 1500 m in einer Breite von 600 m erstreckt?, bietet sich ein wunderbarer Blick. Im Norden Clermont mit seiner die Stadt beherrschenden Kathedrale Notre Dame und weiterhin die Ebene, nach Süden hin das kleine Tal des Auzon, dahinter kulissenförmig hintereinander- geschoben die charakteristischen Kuppen der Auvergne, nach Osten das Tal des Allier, nach Westen und Nordwesten die tiefen Schluchten und die dicht sich anreihenden Höhen, die zum Puy de Dome bis zu 1465 m ansteigen. Hier auf diesem Plateau lag das alte Gergovias.

Schroff fällt der Berg ab nach Norden, Osten und Süden. Es muss ein erhebendes Ge- fühl gewesen sein für die Gallier, die in ihrer Bergfestung lagen, reich versehen mit dem Proviant der Umgegend, wenn sie da unten die Römer anrücken sahen, im Glauben, gegen diese Stadt mit ihren sechs Legionen etwas ausrichten zu können. Von dieser Stelle aus lässt sich auch die Sorglosigkeit des Nitiobrogenfürsten Teutomatus verstehen, von der weiter unten die Rede ist. Andrerseits begreift man von dort oben aus leicht, wie entmutigend, ja geradezu demütigend Cäsar und seinen Truppen der Anblick von unten gewesen sein muss. Wie Spott musste ihnen der Anblick der Mauern erscheinen, die von Waffen starrten und in der Maisonne höhnisch blitzten und blinkten.

1 Vgl. Kap. 36, 1.

² Vgl. Bädecker, Le Sud-Ouest de la France 1906, S. 160.

3 Das jetzige Dorf Gergovia liegt unmittelbar am Südabhang des Berges und ein Gut gleichen Namens etwas weiter östlich.

4 Vgl. Kap. 46, 5 und S. 11.