Aufsatz 
Gergovia. Eine Cäsarstudie auf Grund eigener Anschauung
Entstehung
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sich, wie wir sahen, durch die Rücksicht auf sie schon im Februar-März zur Kriegführung verleiten lassen. Er hatte sich nach Avaricum vom Feinde und dem Kriegsschauplatz ab- ziehen lassen, nur um ihnen zu Willen zu sein, denn es hing alles davon ab, ob sie treu blieben. Die Nachricht traf den Feldherrn schwer: magna affectus sollicitudine hoc nuntio Caesar!. So äussert er sich selten, und in der Tat bedeutete der Abfall der Aduer nichts anderes als: Labienus mit seinen Legionen abgeschnitten und verloren, seine Legionen ohne Proviant, seine Depots in Nevers und Sens der Vernichtung preisgegeben. Schleunigste Flucht durch die Cevennen nach der Provinz und damit ein klägliches Fiasko des ganzen Feld- zugs war scheinbar der einzige Ausweg. Aber dazu konnte sich ein Feldherr wie Cäsar nicht entschliessen, ohne das Kusserste gewagt zu haben. Sein persönliches Erscheinen musste alles retten, und so liess er nur zwei Legionen vor Gergovia und rückte mit den vier anderen und der Reiterei den Aduern entgegen. Er brachte es auch tatsächlich dahin, noch einmal auf gütlichem Wege Herr der Aduer zu werden.

Vercingetorix war selbstverständlich von allem wohl unterrichtet, aber wunderbarerweise nutzte er die Abwesenheit Cäsars doch nicht genügend aus: Was inzwischen vor Gergovia geschah, erfahren wir aus dem Bericht der Reiter des Fabius er leitete den Widerstand der zwei zurückgebliebenen Legionen gegen die Gallier. Er ist kurz und läuft schliesslich nur darauf hinaus, die Stärke der Befestigung des Lagers und die ausdauernde Tapferkeit der Römer zu preisen?. Indes scheint Vercingetorix an diesem Tage ihnen viel zu schaffen gemacht zu haben. Er hat vielleicht zunächst nur seine sichersten Truppen eingesetzt und einmal feststellen wollen, wie heftig der Widerstand der zurückgebliebenen Römer, deren Stärke er nicht kannte, sei. So verging der erste Tag, für den zweiten musste Fabius das Schlimmste befürchten, denn er hatte den Eindruck gewonnen, dass die Gallier ihren Angriff mit verstärkten Mitteln wiederholen würden. Deshalb bat er Cäsar um schleunigste Rückkehr.

Vercingetorix rechnete wohl damit, dass der Abfall der Aduer Cäsar länger, wenn nicht überhaupt, von Gergovia fern halten werde, sodass er ohne grosse Mühe Herr der römischen Lager werden könne. Jedenfalls sah er das nicht voraus, dass Cäsar so rasch wieder zur Stelle sei. Wie schon oft, so hatte er sich auch diesmal verrechnet. Am andern Morgen, als Vercingetorix durch die Aduerflüchtlinge, an ihrer Spitze der Führer Litaviccus, wusste, dass der Anschlag für den Augenblick misslungen sei, war auch Cäsar mit seinen Legionen wieder zurück. Innerhalb 28 Stunden, eine dreistündige Ruhepause eingerechnet, hatte er mit seinen vier Legionen 75 km zurückgelegt, eine ganz staunenswerte Leistung. Mit seiner Rückkehr und dem Fehlschlagen der Pläne der Aduer war natürlich der Kampf um die Lager zu Ende..

Wenn auch für den Augenblick eine schwere Gefahr beseitigt war, so wusste Cäsar doch, dass seine Lage vor Gergovia dadurch eigentlich nicht besser geworden war. Die Erhebung der Aduer war durch seine vorsichtige und schonende Behandlung für den Augenblick nieder- geschlagen, und sie waren ihm anscheinend wieder als Bundesgenossen erhalten, aber jeden- falls war dem Prokonsul doch auch das klar geworden, dass allmählich die den Römern feind- liche Partei unter den Aduern grossen Anhang gewonnen hatte und es nur eine Frage der Zeit war, wann der Abfall der Bundesgenossen völlig zur Tatsache werde. Dass Vercingetorix auch weiterhin alles aufbieten werde, um den Abfall zu beschleunigen, sagte sich Cäsar ge- wiss auch. Truppen und gesicherte Zufuhr, die beiden Dinge, auf die er sein ganzes Unternehmen gründete, fehlten nach wie vor. Daraus zog er nun den erforderlichen Schluss: Hier musste

¹ Vgl. Kap. 40, 1.

² Vgl. Kap. 41, 2, 3, 4.