Beweisführungen dienen mufs, die Schilderungen aus Cronay, die feinsinnigen Analysen von Gemälden berühmter Maler, die melancholische Winterstimmung am Anfang des 7. Buches sind kleine Meisterwerke voll Wahrheit und Anschaulichkeit. So nehmen die Menus propos einen wichtigen Platz in Töpfters schriftstellerischer Thätigkeit ein, wenn wir sie auch nicht mit den Novellen auf eine und dieselbe Stufe zu stellen vermögen. Die darin niedergelegten ästhetischen Anschauungen können bleibenden Wert beanspruchen, mag man in ihnen ein abgeschlossenes System erblicken oder nicht, und die Zugaben, mit denen der Verfasser uns erfreut, kommen den besten Schöpfungen seines eigenartigen Talentes gleich.
Die Leiden der letzten Jahre hatten eine bedeutende Veränderung in Töpffers äußerer Erscheinung herbeigeführt, indem die frühere Körperfülle einer erschreckenden Abmagerung Platz gemacht hatte. So kam der Frühling 1845 heran: er brachte eine Verschlimmerung des Befindens, welche den Kranken zwang um einen längeren Urlaub einzukommen und das seit mehr als zwanzig Jahren geleitete Pensionat einem seiner Amtsgenossen, dem Professor Adert, zu übergeben. Die Familie siedelte nach der Cour Saint-Pierre 99 über!), Töpffer selbst ging für einige Zeit zur Erholung nach Mornex am Kleinen Saleve, wurde aber sehr bald an das Sterbebett seiner Mutter gerufen, die, seit Jahren erblindet, Gegenstand der zärtlichsten Für- sorge der ganzen Familie war. Gleich nach ihrem, wie Relave berichtet, am 4. Mai erfolgten Tode?) mufs er dann nach Vichy abgereist sein, wohin ihn die Gattin nebst der ältesten Tochter begleiteten, während die übrigen Kinder in De la Rives Landhause zu Presinge gast- freundliche Aufnahme fanden. Nach Beendigung der durch rhenmatische Anfälle gestörten Kur verweilte er noch, um die frische Landluft zu genießen, je drei Wochen in Cartigny bei Duval und in Celigny bei Pascalis und kehrte dann gegen Ende des Monats August nach Genf zurück. Noch einmal hat er die Stadt verlassen, als die Blätter zu fallen begannen, um in seinem geliebten Cronay einige Wochen zu verleben, und ein Brief aus dieser Zeit verrät uns, dals er immer noch auf Genesung zu hoffen wagte.
Dann aber begann eine lange Zeit des Siechtums, von dem ihn erst nach einem vollen halben Jahre der Tod erlöste. Er hat die Leiden dieser schweren Prüfung mit stiller Ergebung getragen, da er im Grunde des Herzens eine religiös angelegte Natur war. Allerdings zeigt sein Christentum unverkennbar den Stempel des Rationalismus der Zeit, welcher mit der Moral den lebendigen Quell der Schrift bis auf den Grund ausgeschöpft zu haben glaubte, und damals die Genfer Staatskirche beherrschte. Zu einer unbefangenen Würdigung der vom englischen Methodismus ausgegangenen religiösen Erweckung hat er bei seinem starren Patriotismus nicht gelangen können. Da er für dogmatische Fragen kein Verständnis besaß, so sah er in der neuen Richtung nur einen fremden Eindringling, der die Einigkeit unter der protestantischen Be- völkerung gerade in dem Augenblicke gefährdete, wo sie unumgänglich nötig gewesen wäre. In der That begann schon damals der durch die jüngst annektierten Landgemeinden erheblich verstärkte Katholieismus für die Regierungspartei ein Gegenstand der Sorge zu werden. Dieser Gesichtspunkt darf bei einer gerechten Würdigung des religiösen Standpunkts, den Töpffer vertritt, nicht außer acht gelassen werden, da mehrere Stellen seiner Werke erst aus ihm ihre
1) Es ist das Haus, welches jetzt die Nummer 4 trägt, und in welchem sich eine evangelische Mägde- herberge befindet.
®) Das Datum eines von Blondel(in Heliogravüre) mitgeteilten Briefes: Vichy, 12. April 1845, den Töpffer an seine jüngste Tochter schrieb, dürfte demnach auf einem Versehen des Kranken beruhen,


