36| gipfeln am Schlusse des 4. Buches in dem früher erwähnten Satze, que lartiste, pour imiter, transforme. Von diesem Punkte aus suchte nun Töpffer, etwa seit dem Jahre 1839, tiefer in das Wesen des Schönen einzudringen, doch ist der Essai sur le beau dans les arts eben nur bis zum Ende des siebenten Buches gediehen, da die Verschlimmerung des Leidens den Ver- fasser hinderte, das achte, welches den Schlufs bringen sollte, niederzuschreiben. Er unter- scheidet in seinen Ausführungen das Schöne der Natur von dem Schönen der Kunst, erklärt das erstere von vornherein für undefinierbar, und kommt schließlich, nachdem er die vorhandenen Begriffsbestimmungen geprüft und verworfen hat, bezüglich des zweiten zu demselben Ergebnis. Da nun aber das Schöne thatsächlich vorhanden ist und vom Künstler auch dargestellt wird, so stattet Töpffer letzteren mit einer besonderen ‚faculte esthetique für dasselbe aus, welche seine Darstellung möglich macht.
Die Ansichten über die Menus propos, wie die gewöhnliche Bezeichnung des Buches lautet, waren früher in allem Wesentlichen übereinstimmend, bis Relave 1886— ohne seither, soviel ich sehe, eigentliche Zustimmung gefunden zu haben— sie kurzweg, trotz ihres be- scheidenen Nebentitels„Essai“, für das beste Werk über das Schöne erklärte, welches bisher in französischer Sprache geschrieben sei. Wir sind nicht in der Lage die Richtigkeit dieses Urteils anzuzweifeln, da für uns die Geschichte der Ästhetik in Frankreich ein fremdes Gebiet ist. Dennoch sind wir durch die klare und anschauliche Analyse, welche Relave von den Menus propos giebt, nicht überzeugt worden, dafs der eigentliche Wert derselben auf ihrem philosophischen Gehalte beruht. Töpffer hat in seinem Vaterlande wohl für einen Moralisten, aber nicht für einen Philosophen gegolten, und hat seine geringe Schulung auf diesem Gebiet sowie die Empfindung, dafs seine Kräfte dem Unternehmen nicht recht gewachsen seien, in einem Briefe an Vinet!) mit seiner liebenswürdigen, bescheidenen Aufrichtigkeit offen bekannt. Amiel?) zeigt keine sonderlich hohe Vorstellung von Töpffers Art zu philosophieren, Theophile Gautier hat mehrere Ausführungen der Menus propos, wie mir scheint, mit Glück be- stritten, und der von diesen Kritikern eingenommene Standpunkt wird von vielen anderen geteilt. Es sind wohl besonders die im letzten Teile entwickelten T'heorien, welche beanstandet werden, während die von feinem Kunstverständnis zeugende Auffassung in den Büchern des Traite du Lavis allgemein anerkannt wird.
Rossel hat das ganze Werk wohl am besten charakterisiert, wenn er urteilt:„N’est-il pas plus convenable de prendre les Menus propos pour ce quwils sont, les ingenieuses et spirituelles considerations d’un humoriste degourdi et du critique d’art le moins syst@matique du monde?“ In der That wird die Führung des Beweises für die abstrakten Theorien unauf- hörlich von ansprechenden humoristischen, geistvollen Episoden durchbrochen, ähnlich wie im Presbytere der Fortschritt der Handlung durch die Einschaltung der Genfer Kulturbilder auf- gehalten wird. Es kommt Töpffer gar nicht darauf an, ob er sein Ziel früh oder spät erreicht; sieht er ein Blümchen am Wege, so ergötzt er sich erst an seiner Schönheit und an seinem Duft, ehe er sich wieder in Bewegung setzt. In den Büchern des Trait& du lavis ist von Tuschzeichnung fast nur in den prächtigen Kapiteln„De mon bäton d’enere de Chine“ und„Du Pinceau“ die Rede. Die humorvolle Charakteristik des Esels, welcher Töpffer zu seinen
1) Lettres d’Alexandre Vinet etc., T. IL., Brief Töpffers vom 28. Januar 1845. ®) Du beau dans la nature, l’art et la po6sie, par Adolphe Pictet— besprochen von H.-Fred, Amiel in der Bibl, univ. v. August 1856,


