Aufsatz 
Rodolphe Töpffer : sein Leben und seine Werke / von Georg Glöckner
Entstehung
Einzelbild herunterladen

33

Seit dem Jahre 1834 war Töpffer Mitglied des Conseil Representatif seines Kantons, und wird, wenn er auch in den Versammlungen niemals das Wort ergriffen hat, doch schon vor dem Beginn der 1841 ausbrechenden Unruhen als eins der hervorragenden Mitglieder der Regierungspartei bezeichnet, welcher seine sämtlichen vertrauten Freunde ebenfalls ange- hörten. Genf besaß damals!) eine wesentlich aristokratische Verfassung, welche, 1796 ent- worfen, 1814 mit geringen Abänderungen nach Beseitigung der Fremdherrschaft eingeführt worden war. Conseil dEtat und Conseil Repr6sentatif waren infolge des hohen Census konservativ, bestrebten sich jedoch durch vorsichtige Reformen den seit der Julirevolution in fast allen Kantonen der Fidgenossenschaft auftretenden demokratischen Regungen die Spitze abzubrechen. Töpffer, der, wie Godet treffend seine politische Richtung kennzeichnet,revait Varistocratie a la facon de Cherbuliez: Varistocratie des capacitös, war ein eifriger, überzeugter Anhänger dieser Regierungsweise, in welcher er den einzig möglichen Weg erblickte, die rulımvollen historischen Erinnerungen mit den Bedürfnissen der Gegenwart in Einklang zu erhalten. Die halben Maßregeln der Regierung nützten nicht viel gegen das unablässige Drängen des Radikalismus, welcher seit 1833 in James Fazy einen gewandten Führer besaß und sich 1841 durch die Association du Trois Mars eine geschlossene Organisation gab. In Journalen, Broschüren und Versammlungen wurden die bestehenden Ordnungen aufs Heftigste angegriffen und der Conseil Representatif am 22. November durch einen Auflauf zum Versprechen einer Constituante ge- nötigt. Die Wahlen zu derselben fielen überwiegend konservativ aus; die neue Verfassung, welche am 7. Juni 1842 verkündigt wurde, war gegen früher liberal genug, befriedigte aber trotzdem die Radikalen nicht. Sie erregten am 13. und 14. Februar 1843 einen Aufstand und legten erst auf das Versprechen allgemeiner Amnestie die Waffen nieder. Die Spannung dauerte fort, das Verhalten der Regierung in der Sonderbundsfrage wurde schließlich zur Herbeiführung eines neuen Aufstandes benutzt, welcher nach einigem Blutvergießen zur Abdankung der Behörden und zum Siege des Radikalismus führte. Töpffer hatte denselben vorausgesehen, erlebte ihn aber nicht mehr. Nach Gaullieur ursprünglich dem liberalen Flügel des Conseil Representatif angehörig, aber den bestehenden Verhältnissen von Herzen zugeneigt, hatte er von Anfang an mehr Anstoß an der Art und Weise der Forderungen als an diesen selbst genommen. Ihm war offenbar die Politik viel mehr Sache des Gemüts als des Verstandes, er war Genfer Partikularist vom reinsten Wasser?) und sah in dem doktrinären aus Frankreich eingeführten Radikalismus den Totengräber des historischen Charakters seiner Vaterstadt, deren Glück und Gedeihen ihm in den Händen der einsichtsvollen, uneigennützigen Aristokratie am sichersten gewährleistet schien. In dieser Überzeugung war er am 22. November gegen jede Nach- giebigkeit gewesen und gründete nun alsbald zur rücksichtslosen Bekämpfung der Gegner im

1) Nach der amtlichen Statistik des Jahres 1834 zählte der Kanton Genf 57000 Einwohner, von denen 27000 auf die Stadt, 3000 auf die Vorstädte, 5000 auf Carouge kamen, während der Rest auf die Land- bevölkerung entfiel, vgl. Gaullieur, Gendve depuis la constitution de cette ville en Republique jusqwä nos jours (15321856), Geneve 1856, S. 420.

2) Die Natur dieses Partikularismus wird aus einer kleinen Broschüre ersichtlich, die unter dem Titel Aoüt 1835 bei Gelegenheit der 300jährigen Jubelfeier der Einführung der Reformation in Genf erschien. Sie atmet den Geist der weitgehendsten Toleranz und zeigt, wie Töpffer in Calvin viel mehr den Begründer der freien Republik als den religiösen Reformator erblickt. Im übrigen verrät sie, Satz für Satz, den Professor der Rhetorik, ist aber nicht als Rede gehalten worden, sondern nur ein Schlufswort zum Feste, welches der Freude Ausdruck giebt, dafs die Feier in der konfessionell gemischten Stadt ohne Störung verlaufen ist.

o