Aufsatz 
Rodolphe Töpffer : sein Leben und seine Werke / von Georg Glöckner
Entstehung
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hat; und die trübe Vorahnung davon durchbricht an mehr als einer Stelle die gewohnte heitere Weise der Erzählung. Die zahlreichen, überall eingestreuten, zum Teil sehr umfangreichen Exkurse muten uns zuweilen an wie ein Vermächtnis des Verfassers, der vor seinem Scheiden den Freunden aus dem reichen Schatze seiner Erfahrungen über die Kunst zu reisen, zu beobachten und zu genießen wertvolle Mitteilungen spendet. Manches befriedigt allerdings nur mäßig, und die Darstellung ermangelt zuweilen der gewohnten Frische. Ein besonderes Interesse erregen die Nachrichten über die Aufführung des Volksschauspiels Rosa von Tannenburg durch die Bauern des Dörfchens Stalden im Thale von Zermatt, welcher Töpffer am 5. September 1842 beiwohnte.

Durch die zahlreichen Illustrationen wird der Wert des Textes außerordentlich gesteigert. Die Zeichnungen sind nach den Töpfferschen Vorlagen von namhaften Pariser Künstlern wie Karl Girardet, Francais, dAubigny und anderen für den Holzschnitt hergestellt. Sie geben den Gesichtsausdruck der Figuren fası durchweg sehr glücklich wieder, vermögen jedoch im übrigen nicht dafür zu entschädigen, dals wir die Originale entbehren müssen.

Für die Kenntnis des Töpfterschen Stils, dessen eigenartiges Wesen bei der Lektüre der Novellen auch von Nichtfranzosen überaus deutlich empfunden wird, sind die Voyages en zigzag wichtiger als irgend ein anderes seiner Werke. Die romanische Schweiz hat an der Weiterentwicklung der französischen Sprache seit dem Siecle de Louis XIV wenig Anteil ge- nommen, da konfessionelle und politische Verschiedenheiten die Scheidewand der Berge noch verstärkt haben. So hat sich im Becken des Genfer Sees ein etwas veraltetes, aber charakter- volles, ursprüngliches und an bezeichnenden, ausdrucksvollen Wendungen reiches Idiom erhalten, welches von der glatten, abgeschliffenen Konversationssprache der gebildeten Stände Frankreichs' wesentlich abweicht und trotz aller nivellierenden Einflüsse, wenn auch in abgeschwächter Form, zum Teil noch vorbanden ist. Töpffer hat eine ungemeine Vorliebe für diese Sprache, die zu seiner Zeit in den abgelegenen Thälern noch in ziemlicher Reinheit gesprochen wurde. Tous les paysans ont du style ist seine Überzeugung, die er wiederholt, besonders auf der Reise um den Mont-Blane, nachdem er sich mit einem Bauern aus der Gegend von Romont unterhalten hat, zu erkennen giebt. Von seinem Studium der charaktervollen Redeweise des Landvolks haben wir bereits im Presbytere eine Probe erhalten. Aus dieser Quelle fließt auch seine uns wohlbekannte Vorliebe für Amyot, Montaigne und Rabelais. Unter dem Einflusse der genannten Vorbilder und der sonstigen ausgedehnten Beschäftigung mit der Litteratur hat er sich nun mit seinem eigenen originellen Wesen eine ganz besondere Ausdrucksweise ge- schaffen, die Sainte-Beuve in bezeichnender Weise einenstyle composite et individuel nennt.") Rossel, der im übrigen ein sehr scharfes Auge für die Schwächen in Töpffers Sprache hat, rühmt an derselbenla couleur, la verdeur, läcrete, un goüt darchaisme qui sent son huguenot et un tres agreable parfum de genevoiserie, und bezeichnet damit treffend die charakteristischen Merkmale seines Stils in den verschiedenen Abschnitten seiner schriftstellerischen Thätigkeit. Die Mängel dieses Stils liegen wohl zumeist in jener eigentümlichen, etwas gesuchten Zuspitzung des Ausdrucks, auf die schon früher hingewiesen worden ist, und betreffen also nur die äußere Form der Darstellung, berühren aber keineswegs den inneren Wert der thatsächlich naiven,

1) Nouveaux voyages en zigzag, notice sur Töpffer consider& comme paysagiste; p. XIII: Ce style composite et individuel que nous goütons sans nous en dissimuler les imperfections et les asperites, mais qui plait par cela möme qu'il est naturel et plein de saveur.