Aufsatz 
Rodolphe Töpffer : sein Leben und seine Werke / von Georg Glöckner
Entstehung
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Sie haben sich bis auf den heutigen Tag einen zahlreichen Leserkreis erhalten, weil sie sehr verschiedene Ansprüche zu befriedigen vermögen. Vielfach, namentlich in Frankreich, werden sie als ein nützliches, unterhaltendes Bilderbuch für die reifere Jugend betrachtet, welche aus ihnen Freude am Naturgenufs und Geschmack an Fußreisen lernen soll. Diese Auffassung findet in der Entstehungsweise der Reisealbums wohl einen Anhalt, erschöpft aber ihr Wesen keineswegs. Sie sind vor allem ein lebendiges Spiegelbild der ganzen Persönlichkeit ihres Verfassers. Die eigentümliche Mischung des humoristischen, malerischen und moralischen Elements, welche die charakteristische Grundlage der Reisen im Zickzack bildet, ist uns aus den Albums und den Novellen bekannt. In den komischen Bilderromanen spielen der über- mütige Humor und die karikierte Darstellung der menschlichen Gestalt die alles beherrschenden Rollen, während die Moral zwar vorhanden ist, sich aber bescheiden im Hintergrunde hält. Die Novellen führen uns in eine bessere Gesellschaft, und ihr Verfasser findet es nötig, seine über- sprudelnde Laune etwas zu zähmen, deshalb schlägt der Humor hier einen weniger lauten Ton an, die Moral kommt zu ihrem vollen Recht und die malerische Darstellung berücksichtigt gleichmäßig den Menschen und die Natur, in welcher er sich bewegt. In den Reisen im Zickzack springt, wie schon der Name andeutet. die Betrachtung von dem einen Element zum andern über, jedem neu auftauchenden Gegenstand wird mit schneller Auffassung die charakteristische Seite abgewonnen; mit wenigen Strichen ist das Bild fertig, denn schon winkt etwas Neues, was ähnliche Ausbeute verspricht. Mit Vorliebe wendet sich Töpffer der Betrachtung des Einzelnen, Kleinen zu, wir erhalten von ihm kein im großen Stil komponiertes Landschafts- oder Städtebild, keine ausgeführte Schilderung von Land und Leuten. Sogenannte Sehenswürdigkeiten und Glanzpunkte werden oft ganz kurz abgefertigt; dagegen verweilt er mit Vorliebe bei Dingen, die dem ungeübten Blick gar nichts zu bieten scheinen, und weiß an denselben eine komische oder malerische Seite oder Stoff zu einer moralischen Betrachtung zu entdecken. Diese Originalität seiner regen Einbildungskraft hat zuweilen etwas Über- raschendes und spricht den Leser ebenso an, wie die dem Gegenstande geschickt angepafste Darstellung.

Dals ihn sein lebhaftes Naturell dabei öfters, namentlich bei Skizzierung der verschiedensten Arten und Abarten von Touristen, denen fast immer irgendwelche Lächerlichkeit nachgesagt wird, zu Übertreibungen verleitet, dafs sich die Situationen schließlich immer wiederholen müssen, dals nicht jedes kleine Reiseerlebnis eine wirksame Darstellung zulälst, und dafs deshalb thatsächlich unbedeutende Dinge zuweilen etwas aufgebauscht erscheinen, kann nicht geleugnet werden. Rambert hat nicht unrecht, wenn er findet, dafs neun Reisen des Guten zuviel sind und den Geist nicht zur Ruhe kommen lassen, und daran die treftende Bemerkung knüpft:Le zigzag finit par faire desirer la ligne droite. Dennoch möchten wir ungern die eine oder die andere der fröhlichen Fahrten missen und folgen deshalb lieber Ramberts praktischem Vorschlag, die Reisen nicht hintereinander, sondern mit Unterbrechungen zu lesen.

Eine besondere Erwähnung darf die Reise des Jahres 1842(um den Mont-Blanc, nach Zermatt u. s. w.) beanspruchen, die schon durch den Umfang der Darstellung die sämtlichen anderen weit überragt. Sie ist die letzte gewesen, die Töpffer mit seinem Pensionat gemacht

notice par M. Sainte-Beuve. Paris, Victor Lecou, 1854. In gleichem Format und ebenso illustriert. Beide Bände gegenwärtig bei Garnier freres,