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die komische Figur des Monsieur A la föte vermag mit ihren harmlosen Albernheiten uns hier und da ein Lächeln zu entlocken.!)
So verschieden nun auch die Novellen nach Form und Inhalt wie nach ihrem Werte sind, so haben sie doch das miteinander gemein, dafs sie uns ihren Verfasser auf dem Felde zeigen, welches seiner eigentümlichen Begabung am meisten entspricht.
Dafs Töpffers Talent, wie wir bereits bemerkt haben, für größere Kompositionen nicht geschaffen ist, beweist auch sein zweiter Versuch auf diesem Gebiet, der Roman Rosa et Gertrude, mit dessen Besprechung wir unsere Darstellung seiner novellistischen Thätigkeit schließen. Erst nach des Verfassers Tode erschienen?) und von Sainte-Beuve durch eine warm empfundene Würdigung der gesamten schriftstellerischen Thätigkeit des Verstorbenen eingeführt, hat er sich lange einer sehr wohlwollenden Beurteilung erfreut. Erst Relave hat ausführlicher auf die Schwächen hingewiesen, die er neben einigen Vorzügen unleugbar besitzt.
Zwei junge, unerfahrene Mädchen, Deutsche aus guter Familie, sind von einem gräflichen Wüstling zur Flucht aus dem Elternhause veranlafst, nachdem er die eine der beiden unzer- trennlichen Freundinnen, Rosa, durch eine Scheintrauung betrogen. In Genf von dem Ver- führer verlassen, werden sie von einem ehrwürdigen Geistlichen, M. Bernier,— der uns den ganzen Roman in tagebuchartigen Aufzeichnungen erzählt— auf der Straße gefunden und vor den fortgesetzten Ränken eines anderen Verführers bewahrt, welcher es auf Gertrude ab- gesehen hat. Schließlich stirbt Rosa infolge vorzeitiger Entbindung, während ihre Freundin die Verzeihung der Eltern erhält und dem Sohne M. Berniers ihre Hand reicht.
Die Wahl eines so überaus heikligen Gegenstandes befremdet uns um so mehr, als Töpffer in seinen Erzählungen sonst durchweg nur gesunde, für den Kreis der Familie be- rechnete Stoffe bietet, zu denen wir diese anstößige und an inneren Unwahrscheinlichkeiten leidende Geschichte unbedingt nicht zählen können. Den Schlüssel des Rätsels liefert uns Richardson, durch dessen Vorgang Töpfter sich für gedeckt angesehen haben mufs. Bereits Relave hat bemerkt, dafs Rosa, Gertrude, der Graf, sein Freund und die Dirne Marie ganz deutlich an die Hauptpersonen in Clarissa Harlowe: Clarissa selbst, Mifs Howe, Lovelace, Bedford und die Sinclair erinnern. Aber hiermit sind die Ähnlichkeiten noch keineswegs erschöpft, sie erstrecken sich bis auf die Zeichnung der Nebenpersonen, der Verwandten und der Wirtsleute. Außerdem wird, gerade wie bei Richardson und ähnlich wie im Presbytere, durch ein ver- wickeltes Ränkespiel, bei welchem viele Briefe geschrieben werden, die Handlung endlos hin- und hergezogen. Im übrigen aber fällt der Vergleich wesentlich zu Töpffers ungunsten aus, da er mit seinen Gestalten nicht entfernt an die lebendige Kraft der Charaktere Richardsons heranreicht. Während bei diesem Clarissa und Mils Howe mit aller Anstrengung, deren die Natur fähig ist, gegen die dämonische Gewalt in Lovelace ankämpfen, haben Töpffers Figuren etwas Schematisches, Farbloses, da sie zu sehr durch den Erzähler M. Bernier in den Hinter- grund gedrängt werden. Höchstens Gertrude vermag sich einigermaßen neben ihm zu be- haupten. Unter diesen Umständen können die thatsächlich vorhandenen guten Seiten des
1) Leider enthalten auch die neueren Auflagen der Genfer Novellen immer noch die nämlichen topographischen Irrtümer bei Beschreibung der Aussicht von der kleinen Scheidegg(Verwechslung von rechts und links und von Matterhorn und Finsteraarhorn).
?) In der Illustration(Paris, Dubochet et Cie) vom 2. August bis 22. November 1846; in Separat-Ausgabe 1847 ebenda, mit Vorwort von Sainte-Beuve und De la Rive; jetzt in Hachettes Verlag.
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