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Le Lac de Gers ist ein kleines Kabinettstück, voll glücklichsten Humors, und bei aller Anspruchslosigkeit der Form und des Inhalts ausgezeichnet durch feine Wiedergabe des malerischen Charakters der Landschaft und treffende Schilderung des Menschenschlages, welcher diese abgelegenen Hochthäler bewohnt. Die Zeichnung des savoyischen Bauern, des Dorf- schulzen und des Geistlichen läfst nichts zu wünschen übrig. Die kleine Moralpredigt des letzteren an seine Gemeinde mit der eindringlichen Warnung vor dem Verkehr mit den Paschern wirkt in ihrer treuherzigen Naivität ungemein ansprechend.
La Vall&e de Trient ist die Touristennovelle par excellence. Die humoristische Be- handlung des Stoffes prägt sich besonders deutlich aus und ist nicht frei von Übertreibungen, welche aber bei dem munteren Tone der Erzählung nicht sehr störend wirken. Der liebens- würdige, findige Franzose ist übrigens die einzige Figur, welche nahe an die Karikatur streift und uns jetzt etwas veraltet erscheint, die Typen 2 übrigen Touristen halten sich innerhalb der Grenze des Zulässigen.
Le Grand St-Bernard') erreicht meiner Ansicht nach die zuletzt besprochenen Novellen nicht. Der Anfang, welcher im Hospiz, auf dem Wege nach Aosta und in dieser Stadt spielt, steht in sehr losem Zusammenhang mit dem wenig ansprechenden Schlusse. Die Karikatur des verschrobenen Touristen, der alles schief und verkehrt auffafst, was er sieht, und seine Erlebnisse dann zu bombastischen Reisebeschreibungen verarbeitet, spricht nur mäßig an. Auch die Benutzung dieser Episode, um das Faux comme une epitaphe an einem Beispiel zu erläutern, sagt uns nicht sonderlich zu. Wir möchten glauben, dafs es kaum der Mühe wert sei, darüber eine Novelle zu schreiben. In der That läfst sich auch eine andere für Töpffer ganz charakteristische Absicht nachweisen. Der Aufenthalt der kleinen Reise- gesellschaft in Aosta giebt ihm nämlich Veranlassung, seinem„Parrain“ Xavier de Maistre eine sinnige Huldigung darzubringen, indem er den tiefen Eindruck schildert, welchen ein schlichtes Gemüt beim Lesen des Lepreux empfindet.)_
Volle fünf Jahre später?) erschien die letzte der Genfer Novellen: Les deux Scheidegg. Die landschaftliche Schilderung des Berner Oberlands und so mancher kleine Zug der Dar- stellung bekunden durch den Glanz und die Anschaulichkeit der Form die alte Meisterschaft. Leider vermag es keine der Hauptpersonen, uns ein lebhaftes Interesse abzunötigen und nur
!) Erschienen: 1839 im Decemberheft der Bibl. univ. und 1840 in den Nouvelles et Melanges. Die letzteren enthalten die 8 bis dahin veröffentlichten kleineren Novellen(die Bibliothöque de mon Oncle fehlt) und 5 Aufsätze vermischten Inhalts, die bei den M&langes besprochen werden.
?) Etwa im Jahre 1833 hatte Töpffer an de Maistre als Dank für die durch ihn empfangenen Anregungen mehrere seiner Schriften(darunter die Bibliotheque de mon Oncle und den später unter die Menus propos aufge- nommenen Trait& de lavis ä Yencre de Chine) gesandt. De Maistre hatte durch einen Freund den Namen des anonymen Absenders erfahren und in verbindlichster Form gedankt. Später lenkte er die Aufmerksamkeit seines Pariser Verlegers Charpentier auf Töpffer und leitete durch einen vom April 1839 datierten Brief an denselben die bereits oben erwähnte Ausgabe der Nouvelles genevoises vom Jahre 1841 ein, deren Text von ihm vorher einer Durchsicht unterzogen worden war. Töpffer hat ihm und Sainte-Beuve(der in der Revue des deux Mondes vom Mai 1839 und vom 15. März 1841 auf die Genfer Novellen hingewiesen hatte) zu danken, dafs er so schnell in Frankreich die Aufnahme erlangte, welche sonst den schweizerischen Schriftstellern nicht leicht gewährt wurde.
®) In den Nouvelles genevoises par R. Töpffer, illuströes: d’apres les dessins de Y’auteur, Paris, J.-J. Dubochet et Cie, 1845.


