Novellen. Die opferwillige Bravheit der Leute aus dem Volke und die blasierte Selbstsucht der Vornehmen sind mit frischem Humor dargestellt. Die Figur des würdigen Geistlichen M. Latour erinnert allzusehr an M. Prevere und an M. Bernier in Rosa et Gertrude, die des Stutzers ermangelt, wie schon Sainte-Beuve bemerkt hat, der wirklichen Eleganz.
Ob Elisa et Widmer,(1834) wie Gaullieur will, als ein Seitenstück zum Lepreux de la Cite d’Aoste anzusehen ist, erscheint zweifelhaft, jedenfalls hätte Töpffer Xavier de Maistre damit nicht erreicht. Nach anderen Angaben soll Töpfer durch eine Inschrift auf dem Kirch- hofe zu Luzern die Anregung zur Abfassung der Novelle empfangen haben, und der Tod Klisas eine Vorstudie zum letzten Buche des Presbytere enthalten. Die düstere, schwermütige Stimmung des Ganzen schmälert den Wert der Novelle an sich keineswegs. Dagegen erscheinen die etwas altfränkische Sentimentalität und die gekünstelte, unübersichtliche Anlage als Fehler, vermögen jedoch nicht den tiefen Eindruck des Schlusses zu verringern.
Le Col d’Anterne!) ist meiner Ansicht nach die beste der kleineren Novellen. Der Autbau ist einfach, die Handlung ansprechend, die Erzählung fließend; die Figuren der Reisenden und der Eingeborenen sind mit wenigen Strichen flott und sicher gezeichnet. Wohl- thuender, harmloser Humor belebt das Ganze. Leicht und ungezwungen gliedert sich die Schilderung der Hochgebirgsnatur in die Erzählung ein, und damit das Tragische nicht fehle, erfahren wir das harte, aber verdiente Schicksal der Bewohner des Dörfchens Mont.— Töpffers frohe Stimmung, die ihm nie untreu wird, wenn er die geliebte Alpenwelt durchstreift, spiegelt sich besonders in den Reisenovellen wieder. Sie gehören fast sämtlich zu den Perlen der Sammlung. Die Gesellschaft, in die er uns einführt, zeigt fast immer die gleichen oder doch ähnliche Typen: eine jugendliche Mädchengestalt, welche sich lächelnd die gefühlvolle Huldigung des Erzählers gefallen läfst, der freilich, wie er selbst gesteht, unterwegs für alle jungen Damen schwärmt, sodann die etwas prosaisch empfindenden Verwandten, endlich ein paar Touristen und Eingeborene. Die Vertreter der beiden letzten Gattungen sind meist mit ganz besonderer Vorliebe und einer Fülle fröhlichen Humors geschildert.
Das Jahr 1836 brachte nicht weniger als drei neue Novellen: La Traversee, Le Lac de Gers und La Vallee de Trient.?)
La Traverse6e erzählt die Geschichte eines jungen Buckligen, welcher in der Neuen Welt endlich eine Lebensgefährtin und mit ihr das erstrebte Glück findet, nachdem er in der Heimat mit seiner Sehnsucht nach Auszeichnung und Liebe wiederholt empfindliche Enttäuschungen erfahren hat. Die Novelle spricht wenig an, da die Hauptgestalt undeutlich und zwiespältig gezeichnet ist und unsere Teilnahme nicht genügend zu fesseln vermag. Der Charakter des Buckligen ist keineswegs frei von einer gewissen eitlen Selbstsucht, überhaupt ist nicht er- wiesen, dafs die Mifserfolge in der Heimat durch das körperliche Gebrechen veranlalst worden sind. Die Art und Weise endlich, wie er in Amerika zu einer Frau kommt, darf nicht be- anspruchen, als eine glückliche Lösung zu gelten.
Dobleyou.— Später wurde das 3. Kapitel dieser Ausgabe(eine nichtssagende Apostrophe an den Leser und die Irrfahrten des Bedienten) weggelassen. In der That erinnert das Gestrichene zum Teil bedenklich an die Possen der Albums. E 1) Im Maiheft 1836 der Bibl. univ. und gleichzeitig in besonderem Abzug erschienen.
2) Sie erschienen im Mai, Juni und Oktober in der Bibl. univ. und gleichzeitig in besonderen Abzügen. Die beiden letzten tragen die Unterschrift: R. T., welche Bezeichnung von nun an öfter auftritt, ohne jedoch zur Regel zu werden.


