Aufsatz 
Rodolphe Töpffer : sein Leben und seine Werke / von Georg Glöckner
Entstehung
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Durch den Umfang des kulturgeschichtlichen Stoffes wird der Faden der ohnehin etwas schwachen Handlung häufig unterbrochen. Außerdem sind Charles und Louise zu sehr als leidende Persönlichkeiten behandelt, weshalb ihr Bild weniger ansprechend wirkt. Schärfer sind M. Prevere!), Champin und Reybaz gezeichnet, besonders die beiden letzteren. Gegen die Charakterzeichnung der Hauptpersonen ist manches eingewendet worden. Die Mischung der sentimentalen und realistischen Züge in der Gestalt Louisens macht ihr Bild allerdings etwas unbestimmt. Die Leichtgläubigkeit und Nachgiebigkeit ihres Vaters gegen die Einflüsterungen des Portiers ist nicht hinreichend wahrscheinlich gemacht. Dagegen kann man die Bedenken gegen die Figur Champins fallen lassen, wenn man Töpffers Ausführungen(im 5. Buche) über des Wesen diesesIago des Rues basses, wie ihn Vinet nennt, gelesen hat. An be- sonders schönen Stellen, wie sie das erste Buch in dem Gange nach der Alpe und der Predigt M. Pröveres bietet, ist auch in den folgenden Büchern kein Mangel, aber als Ganzes betrachtet zeigt das Presbytere doch, dafs die Begabung des Verfassers für umfangreiche Kompositionen nicht ausreicht. Seine ganze Natur widerstrebt der Beobachtung strenger Kunstformen und ist ungleich mehr für die Novelle geschaffen, indem die Darstellung der einzelnen Begebenheit seinem Talent für Kleinmalerei völlig ungehinderte Bewegung verstattet.

Die- zahlreichen kleinen Erzählungen, die mit der Bibliothöque de mon Oncle zu dem Bande der Nouvelles genevoises vereinigt und meist in den Jahren 18331840 entstanden sind, spiegeln denn auch die schriftstellerische Eigenart ihres Verfassers am besten wieder und erfreuen sich trotz aller seitdem gemachten Fortschritte auf dem Gebiete der Novellistik noch heute einer überaus großen Beliebtheit. Die nachfolgenden Bemerkungen werden sich, um Wiederholungen zu vermeiden und den Rahmen dieser Studie nicht zu"überschreiten, auf Hervorhebung charakteristischer Einzelheiten beschränken.

La Peur°?) erinnert durch die feine Beobachtung der Kindesseele und die launige Schilderung der Verliebtheit des 12jährigen Knaben an die(3 Jahre später geschriebenen) Deux Prisonnierss. Handlung und Beobachtung halten sich in den Novellen meist annähernd die Wage, hier überwiegt die letztere. Das Erwachen der Furcht sowohl als ihre Wirkungen auf das zarte, reizbare kindliche Gemüt sind anschaulich und lebendig beschrieben. Manches scheint darauf hinzudeuten, dafs Töpffer eigene Jugenderinnerungen in seine Schilderungen verwebt hat.

LH&ritage°), die Bekehrung eines durch Verwöhnung selbstsüchtig gewordenen Stutzers aus vornehmer Familie gehört in seiner gegenwärtigen Gestalt zu den besseren der

gagne en libert& de tours et en vivacit6 pittoresque ce qwil perd en correction, a plus de trait et de saveur, au dire dun habile critique, M. Sainte-Beuve, que le style genevois simplement francise, qui narrive trop souvent& etre correct qu'en se passant dötre ais6 et naturel.

1) M. Prevere ist ein Bild nach dem Leben. Das Original desselben ist Samuel Cellerier, 17831814 Pastor zu Satigny, westlich von Genf, der zur Zeit der Abfassung des Presbytöre noch am Leben war. Il se distingua dans lexereice de ses fonctions pastorales par ses vertus, sa pi6t6 et son 6loquence cordiale(De Montet).

2) La Peur, in der Bibl. univ. April 1833, unter dem Titel: Varistes, La Peur(Souvenir denfance), und gleichzeitig in einer Separat-Ausgabe veröffentlicht.

5) LHeritage ist von Töpffer mehrfach verändert worden. Das erste Kapitel der jetzigen Novelle erschien unter dem TitelLhomme qui sennuie im Decemberheft 1833 der Bibl. univ. und gleichzeitig in Sep.-Ausg. Die Umarbeitung und Erweiterung von 1834(LHeritage) enthält nicht mehr die Karikatur des Engländers M.