Aufsatz 
Rodolphe Töpffer : sein Leben und seine Werke / von Georg Glöckner
Entstehung
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Das letzte Kapitel, Henriette, enttäuscht die Erwartungen, die der Leser vielleicht gehegt hat, zu denen er aber nicht ganz berechtigt war. Denn mit dem früheren, namentlich mit dem Schlusse der Bibliotheque, hatte der Verfasser sich bereits den Boden für eine be- friedigende Weiterführung der Geschichte seines Helden abgegraben. Töpffer zeigt hier, wie in allen seinen umfangreicheren Arbeiten, dafs ihm das eigentliche Kompositionstalent abgeht. Vinet?) findet es ganz natürlich, dafs ein Schriftsteller die Skizze einer von ihm geschaffenen und ihm teuer gewordenen Gestalt zu einem vollen Lebensbilde erweitert, beginnt aber, be- zeichnend genug, seine Besprechung des Schlufskapitels mit den WortenNous voulons bien que Jules se soit mari&, nous len approuvons m&me, mais pourquoi nous inviter A ses noces? Er ist unverkennbar der Ansicht, dafs dieser prosaische Abschlufs der Jugend nach ihrer poetischen Verklärung am besten ungeschrieben geblieben wäre Wenn er aber weiterhin lobend hervorhebt:On navait pas encore fait penetrer si avant la po6sie dans la prose de la vie humaine, so fordert er damit die Bemerkung heraus, dafs die Rolle, welche die Poesie hier spielt, eine recht kümmerliche ist. In der That wird sie fast ausschließlich von den Schultern des 84jährigen Onkel Tom getragen. Neben ihm der in seinem stillen, der Wissenschaft geweihten Leben das Böse niemals kennen gelernt hat und in seiner liebenswürdigen Greisen- gestalt die Verkörperung des Herzensfriedens und der anspruchslosesten Selbstverleugnung ist, vermögen die übrigen Hauptpersonen keine volle Teilnahme zu erregen. Bei Jules ver- missen wir den Fortschritt in der Reife des Charakters. Wir können seinen 21 Jahren manches nachsehen und uns sogar freuen, dafs er den Schmerz über seinen Verlust schneller, als wir erwarteten, überwunden hat, aber seine Absicht zu heiraten ist höchst ungenügend begründet. Der Ernst dieses Schrittes kommt ihm, der seine Malerlaufbahn kaum begonnen, in keiner Weise zum Bewulstsein, und seine Vorstellungen verraten eine nahezu kindliche Unbefangenheit. Unter diesen Umständen mu/s uns die schnelle Zustimmung des Geometers fast unbegreiflich erscheinen. Dieser letztere, das Bild des Fleißes und der Rechtschaffenheit, aber auch der vollendeten Nüchternheit, wirkt durch die Starrheit seines Wesens überall förmlich lähmend, und Henriette hat nach dem wenigen, was wir von ihr erfahren, soviel von der Art ihres Vaters, dafs wir ihr kein wärmeres Gefühl als unsere Hochachtung entgegen- bringen können. Glücklicherweise hat Jules nicht nötig, in dem neuen Kreise, in den er eintreten wird, Anregung zu suchen, sondern trägt seine Welt in sich. Die moralischen Betrachtungen nehmen einen ziemlich weiten Raum ein und wirken etwas ermüdend. Die Auseinandersetzungen über den Bourgeon de la vanite treffen einen bekannten Charakterzug des französischen Volkes und haben sicher ihren Wert, erscheinen jedoch hier kaum recht an ihrer Stelle, da die handelnden Personen vom Fehler der Eitelkeit ziemlich frei sind. Ob der Verfasser bei der Gestalt des Onkel Tom eine bestimmte Persönlichkeit vor Augen gehabt, wie mehrfach angenommen wird, darf bezweifelt werden. Anscheinend ist die stark idealisierte Figur in der Weise zustande gekommen, dals Töpffer allerlei, worüber er sich gern aus- sprechen wollte, zu dem Gesamtbilde dieser Persönlichkeit vereinigte. Hierbei hat er vielleicht auch daran gedacht, das positive Gegenbild zu seiner Theorie des Bourgeon zu zeichnen.

Le Presbyt£re, die zweite der im Jahre 1832 erschienenen Novellen, ist von einem ähnlichen Schicksal wie die Bibliothöque de mon Oncle betroffen worden, indem es sieben

1) Revue suisse, Tome II. 1839. S. 576 ff.