Aufsatz 
Rodolphe Töpffer : sein Leben und seine Werke / von Georg Glöckner
Entstehung
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18 In Les deux Prisonniers ist das Wesen des kindlichen Gemüts mit großer Feinheit zergliedert: seine Harmlosigkeit und sein Übermut, die zarten Regungen und Träumereien der Empfindung, der Kampf des erwachenden Verlangens mit den guten Vorsätzen und der Scheu vor der Übertretung sind ebenso meisterhaft geschildert, wie die Gefahren pedantischer Ver- gewaltigung der Kindesseele. Sobald diese sich nicht verstanden sieht, verliert sie das Vertrauen, das in diesem Alter noch ein Bedürfnis ist, und sucht sich ihren eigenen Weg. Sich selbst überlassen, erliegt das Kind der herantretenden Versuchung und übertritt das Verbot, vermag aber nun statt versöhnender Reue nur noch das brennende Gefühl der Scham und der Furcht vor der Strafe zu empfinden. Diese den sicheren Scharfblick des Erziehers bekundenden Züge machen die Lektüre des Kapitels auch für das gereifte Alter zu einem wirklichen Genuls, der durch den naiven, die Jugend besonders ansprechenden Ton der Darstellung nicht geschmälert wird. Hier und da hat zwar der Humor etwas Possenhaftes und erinnert an die Albums, doch nimmt man dem Verfasser diese vereinzelt auftretenden Übertreibungen nicht übel. Ungleich störender wirkt es dagegen, dals die Handlung, namentlich zu Anfang, durch allerlei lang- gesponnene Erörterungen, die mit ihr nicht überall in deutlichem Zusammenhang stehen und uns neben goldenen Weizenkörnern auch manche Spreu zu enthalten scheinen, aufgehalten wird. Bei weitem vollendeter ist das zweite Kapitel, La Biblioth&que: nach dem Urteil vieler das beste, was Töpffer überhaupt geschrieben hat. Wir haben hier, wie schon in den deux Prisonniers, neben der Dichtung ein gutes Stück Wahrheit aus seinem Leben. Die be- kannte, mit unverkennbarer Wärme geschriebene Schilderung der Flänerie würde hinreichen, dies zu beweisen. Aber auch sonst ist dieser Teil der Novelle charakteristisch für das ganze Wesen ihres Verfassers. In den engsten Rahmen ist eine Fülle reizvoller Studien zusammen- gedrängt, indem das Auge des Malers in den alltäglichsten Dingen überreichen Stoft zu den prächtigsten Genrebildchen entdeckt, und dieselben mit knappen, sicheren Strichen auf das Papier zu werfen weiß.) Oft genug machen wir bei Töpffer die Erfahrung, dafs die feine Ausführung der Einzelheiten uns für Schwächen der Fabel oder mangelnde Handlung ent- schädigen muls: hier fesselt uns alles, was die drei Personen angeht, vom ersten Augenblicke an. Die prächtige Gestalt des Onkel Tom kommt allerdings erst im Schlufskapitel zur vollen Geltung, aber mit seltener Vollendung sind die beiden jugendlichen Gestalten geschildert. In leichtester Umrifszeichnung erscheint das liebliche Bild der Jüdin, sodafs die Selbstthätigkeit des Lesers zur Ausgestaltung des nur Angedeuteten in glücklichster Weise angeregt wird. Jules mit seiner unverdorbenen Frische, seinen naiven Empfindungen, seiner träumerischen Gefühls- seligkeit und liebenswürdigen, fröhlichen Schalkhaftigkeit, ist die poetische Verklärung der Jugend, des noch im Werden. in der Entwicklung begriffenen Charakters. Humor und Empfindsamkeit treten in glücklichster Mischung und angemessener Abtönung auf und geben dem Ganzen eine harmonische Stimmung, die bis zum tragischen Ende aushält. Die Rührung, die sich unwillkürlich des Lesers bemächtigt, zeigt, dafs die Töpffersche Empfindung keine gemachte ist.

) Zum Dank für die freundliche Beurteilung der Albums hatte, wie wir von Soret erfahren, Töpffer alle Seiten eines Exemplars der im Januar 1832 erschienenen Novelle mit allerliebsten Vignetten geschmückt. Leider kam das Geschenk erst nach Goethes Tode in Weimar an. Nach diesen Federzeichnungen sind die Holzschnitte der Bibliotheque in der(zuerst 1845 bei J.-J. Dubochet& Cie, später bei Garnier freres erschienenen) illustrierten Ausgabe der Nouvelles genevoises hergestellt. Sie vermögen uns keine ausreichende Vorstellung von dem geistvollen Charakter der Originale zu geben.