Aufsatz 
Rodolphe Töpffer : sein Leben und seine Werke / von Georg Glöckner
Entstehung
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eigenartiger, glücklicher Weise der freie, gefällige, witzige Ton des Franzosen mit deutscher Innerlichkeit. Der moralisierende Zug tritt bei Töpffer stärker hervor als bei de Maistre, der Jugenderzieher verleugnet sich nicht in ihm, aber derselbe versteht es vorzüglich, indirekt zu lehren, und drängt sich nur selten etwas auf, deshalb folgen wir auch meist gern den Worten seiner Erfahrung. An Schärfe der Beobachtung ist Töpffer Sterne wie de Maistre gleich, an sittlicher Tiefe dem ersteren sicher überlegen. De Maistre schreibt zierlicher und gewandter, gleichmäßiger und abgeschliffener, während Töpfters Stil wohl charaktervoll, aber nicht immer flüssig und von der Vorliebe für seine Lieblingsschriftsteller beeinflulst erscheint. Gemeinsam ist ihnen allen die Lust und Freude an der Kleinmalerei, einige Sentimentalität und das Springende der Darstellung, doch hat auch jeder einzelne hier wieder seine besondere Art.

Der Anflug von Sentimentalität, der sich bei Töpffer zuweilen bemerklich macht, mutet uns zwar heutzutage schon etwas fremd an, verträgt sich aber im ganzen nicht schlecht mit der Art und Weise des Empfindens in den Kreisen, in die wir geführt werden. Außerdem hat er bei der Darstellung einer früheren Generation eine gewisse geschichtliche Berechtigung für sich. Die moralisierenden Betrachtungen sind, wie schon angedeutet wurde, hier und da etwas lang ausgesponnen und vermögen in solchen Fällen nicht die Teilnahme des Lesers so stark zu fesseln wie die überaus ansprechenden kurzen Natur- und Landschaftsskizzen, die Töpffer mit Stift und Feder gleich meisterhaft zu entwerfen versteht. Eine gewisse Gesuchtheit im Ausdruck, die man ihm unter der Bezeichnung als Raffinement oder Affeterie bisweilen zum Vorwurf gemacht hat, läfst sich vielleicht daraus erklären, dafs Töpffer bei der Lebhaftigkeit und Stärke seiner Einbildungskraft sich nicht immer von einer gewissen Spannung des Aus- drucks frei zu halten weiß. Abgesehen von den Fällen, in denen er die Sprache bestimmter Kreise oder früherer Zeiten absichtlich nachgeahmt hat, entspricht sein Stil durchaus seinem innersten Wesen, wie dies durch den ganzen Ton seiner Briefe deutlich bewiesen wird. Da von der Sprache Töpffers erst späterhin zu reden sein wird, so wenden wir uns jetzt zu einigen kurzen Bemerkungen über die einzelnen Novellen und Romane.

Die Bibliotheque de mon Oncele ist von ihrem Verfasser später durch Hinzufügung zweier Kapitel erweitert worden, sodafs die ursprüngliche Novelle gegenwärtig unter dem abgekürzten TitelLa Bibliothöque die Mitte des Ganzen bildet.) Für dieses wählte Töpffer die Überschrift: Histoire de Jules?), doch ist die von Xavier de Maistre durchgesehene erste Pariser Gesamtausgabe der Nouvelles genevoises?) zu dem nicht mehr völlig zutreffenden, aber seitdem üblichen ersten Titel zurückgekehrt. Das Ganze ist eine Charakteristik der Liebe auf drei verschiedenen Stufen des jugendlichen Alters. Die noch ganz kindlichen, halb unbewulsten, unbestimmten Empfindungen des funfzehnjährigen Knaben, drei Jahre später die schwärmerische, selige Liebesträumerei des angehenden Studenten, endlich das sittliche Streben des. werdenden Künstlers nach Gründung eines eigenen Herdes: das sind die Stadien, durch welche Töpffer seinen Jules vor unseren Augen hindurchführt.*)

1) Kap. I: Les deux Prisonniers, Bibl. univ. Nov. 1836: Separat-Ausgabe Geneve 1837. Kap. III: Henriette, Bibl. univ. Nov. 1837.

?) Geneve 1838.

s) Nouvelles genevoises par M. Töpffer, pröcödees dune lettre adressee A lediteur par le comte Xavier de Maistre. Paris, Charpentier, 1841.

4) Der Schlufs des zweiten Kapitels: Javais enterr6 la ma jeunesse zeigt, dafs die Erweiterung ursprünglich nicht geplant war. Nach den Angaben in Henriette liegt zwischen dem Anfangs- und dem Endkapitel ein Zeitraum von 56 Jahren, der uns etwas zu kurz bemessen erscheint.

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