Aufsatz 
Rodolphe Töpffer : sein Leben und seine Werke / von Georg Glöckner
Entstehung
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einseitig beeinflufst hat. Relave darf das Verdienst beanspruchen, die bisher wenig beachteten litterarischen Kritiken zuerst richtig gewürdigt zu haben. Hierdurch ist Blondel, der diese Seite von Töpfters schriftstellerischer Thätigkeit vorher nur gestreift hatte, zu weiteren Aus- führungen veranlafst worden.')

Die Novellen und Romane.

Bei weitem wichtiger als die kritische ist die novellistische Thätigkeit Töpffers, welche kurz vor seiner Berufung an die Akademie beginnt. Die Bibliotheque universelle brachte im Jahre 1832 zwei wenig umfangreiche Erzählungen ohne Angabe ihres Verfassers: im Januar- heft La Bibliotheque de mon Oncle, im December Le Presbyt&re. Diese beiden kleinen Meisterwerke sind das Beste, was Töpffer überhaupt geschaffen, und geben ein treues Bild seiner schriftstellerischen Eigenart, Mit ihnen hat er sein Feld und seinen Stil gefunden, die Sprachkünstelei der Anfänge ist überwunden, der Einflufs seiner Vorbilder bleibt wohl noch deutlich erkennbar, aber die innere harmonische Durchbildung der künstlerischen In- dividualität ist im wesentlichen schon hier erreicht. Die feine Beobachtung des Malers, der scharfe, schnelle Blick des psychologisch geschulten Erziehers, die Liebenswürdigkeit des sittlich reinen, wahrhaftigen Charakters, rege Phantasie, kräftige Empfindung, eine angeborene und sorgfältig ausgebildete Gabe reizvoller, naiver und harmloser Darstellung, die sich dem Gegen- stande glücklich anzupassen weiß und bald voll mildmelancholischen Ernstes, bald voll über- sprudelnden Humors, immer voll Anschaulichkeit die Dinge des alltäglichen Lebens mit poetischem Schimmer verklärt: das alles findet sich in ihm vereinigt. Mancherlei glückliche Umstände haben sein Talent gefördert: die Großartigkeit der Umgebung Genfs, seine Lage am Kreuzwege der Nationen, und die von hoher Empfindung für die Bedeutung der Heimat getragene Sinnesart der Bevölkerung. Mit Thatkraft und glücklichem Erfolg hat Genf ebensowohl die unter schweren Kämpfen errungene Freiheit und Selbständigkeit gegen äußere Feinde gewahrt, wie die durch das Zuströmen fremder Elemente bedrohte Sonderart kräftig behauptet, ohne sich darum der Befruchtung durch neue Ideen zu verschließen. Töpfter, der mit leiden- schaftlicher Liebe an seiner Vaterstadt und an dem Ruhme ihrer Vergangenheit sein Leben hindurch festhielt und niemals etwas Anderes sein wollte als ein einfacher Genfer Bürger, ist auch als Schriftsteller ein getreues Spiegelbild dieser Eigenart. Anklänge an fremde Muster lassen sich in fast allen seinen Werken ohne Mühe nachweisen, dabei hört er aber keinen Augenblick auf, sein originelles Wesen zu bewahren, das in der französischen Litteratur in dieser Hinsicht seinesgleichen sucht. In seinen Schilderungen erinnert er an Rousseau, an Bernardin de Saint-Pierre, an Charles Nodier, und ist doch wiederum grundverschieden von ihnen. Seine ganze Schreibweise ist wiederholt mit der Manier Sternes und Xavier de Maistres verglichen, und sicher hat er viel von ihnen gelernt, aber er behauptet seine Selbständigkeit, Er hat nicht das Anspruchsvolle Sternes, der in seinem Tristram Shandy uns herrisch zwingt, den endlosen Kreuz- und Querzügen seiner seltsamen Laune zu folgen, sondern weiß uns mit viel größerer Liebenswürdigkeit dahin zu leiten, wohin er uns führen will. Es fehlt ihm etwas von der anmutigen Leichtigkeit und dem Schwung de Maistres, dafür mischt sich bei ihm in

1) Reyue internationale vom 25. April 1888. Beigegeben ist eine anziehende, bisher noch unbekannte Studie Töpffers über Gil Blas.