Kunst brachte keine Abhülfe, der Zustand verschlimmerte sich vielmehr, und so entschlofs sich Töpffer nach Paris zu gehen, um Spezialisten zu befragen. Im Oktober 1819 reiste er ab und bezog in Paris zunächst ein Zimmer in der Rue de Beaune, im Verein mit seinem Freunde Maurice. Nach dessen Weggang siedelte er nach dem Hause der Rue Saint-Andr6-des-Arts über, in welchem bereits seine Schulfreunde David Munier, Pascalis, Francois-Louis Duval und Frederic Soret wohnten. Da er aber anscheinend gar keinen Arzt befragt hat, so scheint sein achtmonatlicher Aufenthalt in Paris ihm nur zu dem Zwecke gedient zu haben, wie seine Freunde einen gewissen Abschlufs seiner allgemeinen Bildung zu erlangen. Relave bringt Auszüge aus seinem Tagebuche, die im Verein mit Blondels Angaben seine Beschäftigung während dieser Zeit erkennen lassen. Er besucht Vorlesungen aus allen Gebieten des Wissens, der Sprachen, der Litteratur wie der Naturwissenschaften, ferner das Theater, Museen und Galerien, verkehrt mit Gelehrten und Künstlern, bildet sein kritisches Urteil, studiert das Volksleben, hat aber viel mit trüben Stimmungen zu kämpfen, die ihn sein ganzes Leben hindurch begleitet haben. Zu dieser Zeit ist es besonders die Sorge um den künftigen Beruf, die ihn beschäftigt und aus dem Verkehr mit den Freunden, die, glücklicher als er, ein festes Lebensziel vor Augen hatten, unausgesetzt Nahrung zieht. Aber erst im Februar 1820 macht er sich mit dem Ge- danken vertraut, das Lehrfach zu ergreifen, entweder in Genf oder, wie so viele seiner Lands- leute, als Erzieher im Auslande. Das freie Malerleben sagt ihm zwar ungleich mehr zu als der Zwang und die Verdrießlichkeiten der Lehrerlautbahn, aber er sieht voraus, dafs ihm keine Wahl bleiben wird. Demgemäß tritt in der letzten Zeit seines Pariser Aufenthalts das Studium des Griechischen etwas in den Vordergrund. Der Sommer bringt manche angenehme Zerstreuung, dennoch kehrt Töpffer im Juli oder Anfang August gern nach Genf zurück, nicht ohne entschiedenen Gewinn für seine geistige Durchbildung, aber immer noch nicht völlig mit sich im klaren über den künftigen Beruf.
Diese Unschlüssigkeit dauerte noch anderthalb Jahr, welche Zeit mit Erteilung von Privat- unterricht in den alten Sprachen, dem Besuch der väterlichen Malerwerkstatt, Ausflügen in die Umgebung, dabei mit reger Teilnahme am gesellschaftlichen Leben, wie Aufführung von Theaterstücken und Besuch von Bällen, ausgefüllt wurde. Sicher verdanken manche Kapitel des Presbytöre, welche die Zustände der Genfer Gesellschaft, namentlich die Beschäftigungen und Vergnügungen der Jugend beiderlei Geschlechts schildern, den in dieser Zeit gewonnenen Eindrücken ihre Entstehung. Maler zu werden ist nach wie vor sein Herzenswunsch, der Lehrerberuf hat nichts Anziehendes für ihn; aber schließlich geht er, da sein Augenleiden fortdauert, entschlossen auf den durch Pascalis’ Vermittlung an ihn gerichteten Vorschlag des Pastors Heyer ein, in sein Pensionat, vorläufig als Unterlehrer, aber mit Aussicht auf spätere Übernahme desselben einzutreten. In einem Briefe vom 21. Februar 1822 an seine zärtlich geliebte Schwester Ninette, die den Winter nach ihrer Vermählung mit Jean-Frangois- Andre Duval in Italien zubrachte, meldet er, dafs er soeben abgeschlossen habe und im Mai die neue Stellung antreten werde. Da seit Fellenberg, Pestalozzi und dem Pere Girard die örziehungsanstalten der deutschen wie der französischen Schweiz von Ausländern zahlreich besucht wurden, und besonders Genf vortreffliche Gelegenheit zur Aneignung der französischen Sprache bot, so erschien der Entschlufs verständig und fand zuletzt auch die Billigung der anfänglich etwas widerstrebenden Eltern. Das Heyersche Pensionat befand sich in No 20 der Rue des Belles-Filles, jetzigen Rue Etienne Dumont, und Töpffer war in ihm 2'/, Jahr thätig.


