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Während alſo Aegiſth es geweſen iſt, der die Königstochter in Schmach und Armut gebracht hat, erfahren wir nirgends etwas, daß ſie einer üblen Behandlung ſeitens der Mutter ausgeſetzt ſei. Darum iſt auch Elektrens Haß in erſter Linie auf ihn, den Mörder ihres Vaters, gerichtet, der in blutbefleckten Händen das väterliche Scepter führt und weinberauſcht mit den Füßen auf des Vaters Grab ſpringt und es entehrt, der ſie durch ihre Mißheirat tief erniedrigt hat, wogegen die ſchwache Mutter,„die dem Gatten, nicht den Kindern hold iſt“, keinen Widerſpruch zu erheben vermochte. So iſt wohl Klytämneſtra ein ſchwaches, zu einem nachdrücklichen Widerſtand gegen Aegiſths harte Maßnahmen nicht geſchaffenes Weib, aber doch nicht ohne Güte und Zuneigung zu ihrer Tochter Elektra.
Und welch' andrem Motiv folgend iſt die Königin zu ihrer verſtoßenen Tochter geeilt als einer Regung der Mutterliebe nachgebend, nachdem ſie gehört, daß dieſe eines Knaben geneſen ſei?
Auch Euripides zeigt uns Elektra in einem Redekampf mit der Mutter; aber der Eindruck, den wir von Klytämneſtra empfangen, iſt auch hier günſtiger als bei Sophocles an gleicher Stelle.
Sie wird durch eine biſſige Bemerkung ihrer Tochter veranlaßt, ihre That zu rechtfertigen und thut⸗ es mit gutem Geſchick. Sie geht davon aus, daß ſie Agamemnon betrogen und ſie ihrer Tochter Iphigenie. beraubt habe.
Und hätt' er, aus der Feinde Hand die Stadt, von Not das Haus, vom Tod die andren Kinder rettend, ſie die eine um viele hingeopfert, wäre es noch gut.(1024 ff.)
So aber hat er lediglich weil ſein Bruder Menelaos ſein buhleriſches Weib nicht im Zaum halten konnte,
rein um dieſes willen mir mein Kind erwürgt.
Und ſelbſt das hätte ſie noch ertragen, hätte ihr Gemahl ihr nicht die Kränkung angethan, eine tolle Schwärmerin(uarddèa z6) von Troja mitzubringen, die er vor ihren Augen als rechtmäßige Gattin neben ihr anſah. Das hat ſie, ein ſchwaches Weib, verführt, auch ihrerſeits die Treue zu brechen und ſich⸗ mit den Feinden ihres Mannes zu verbinden.
Elektra iſt denn auch nicht im Stande, irgend ein Wort der Entſchuldigung für das Opfer in Aulis⸗ zu Gunſten ihres Vaters anzuführen; und wenn ſie dann in ihrer Erwiderung, die an Albernheiten und ein⸗ fältigen Bemerkungen reich iſt, mit keiner Silbe auf das Verhältnis des Vaters zu Kaſſandra einzugehen weiß, ſo gibt ſie damit zu erkennen, daß ſie den Motiven, die die Mutter zur Blutthat getrieben, eine gewiſſe Be⸗ rechtigung nicht abſprechen kann. Und was ſonſt Elektra an der Mutter und ihrem Verhältnis zu Aegiſth auszuſetzen weiß, iſt derart, daß wir für letztere nur Sympathie und ein Gefühl des Mitleids haben— empfindet ſie ja doch ſelbſt Reue über die That v. 1096—, uns aber eines Gefühls des Abſcheus gegen die frivole Denkweiſe der Tochter nicht erwehren können. So iſt die Euripideiſche Klytämneſtra ein ſchwaches Weib, aber die Farben, die der Dichter zu ihrer Zeichnung genommen, ſind anſprechend, ihr Character iſt nicht unedel: ſie erinnert an die Klytämneſtra der Telemachie, während die Sophocleiſche Klytämneſtra die des 11. Geſanges⸗ der Odyſſee widerſpiegelt.
Vergegenwärtigen wir uns zum Schluß noch einmal den Gang, den die Entwicklung der Klytämneſtra⸗ ſage und ihre Zeichnung im Epos, der nachhomeriſchen Zeit und auf der Bühne bis Euripides genommen hat.
In der Odyſſee unterſchieden wir zwei weſentlich von einander verſchiedene Auffaſſungen, die ſich unſrer Meinung nach durch die verſchiedene Entſtehungszeit der betreffenden Lieder erklären ließen; die Telemachie zeigte uns Klytämneſtra als eine harmloſe, von Natur gut geartete, doch willensſchwache, den Verführungs⸗ künſten des Aegiſth auf die Dauer nicht gewachſene Frau, die endlich nach langem Widerſtreben, als das Verhängnis es ſo wollte, die eheliche Treue brach und dem Verführer ſich preisgab. Aegiſth allein war es, der nach dieſer Darſtellung den zurückkehrenden König erſchlug, weshalb des Oreſtes gerechte Rache auch nur⸗


