Aufsatz 
Klytämnestra in der griechischen Dichtung / von Rudolf Glaser
Entstehung
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ihn traf, nicht auch die Mutter. Trat in und 5 Klytämneſtra ganz in den Hintergrund, ſo erſchien die Sage bereits umgebildet in X und c, inſofern Klytämneſtra nicht nur als Möͤrderin der Kaſſandra erſchien ſondern ſogar den Mord am eignen Gemahl vollführte. Im 5. Jahrh. hat das Bild Klytämneſtras in ent⸗ ſchiedener Anlehnung an X und o, in weſentlichem Gegenſatz zu und d in der Lyrik eine düſterere Färbung angenommen; die Grundlinien ihres Charakters ſind dieſelben, mit denen ſie des Aeſchylus Meiſterhand in der Oreſtie gezeichnet hat und maßgebend für die äſchyleiſche Auffaſſung iſt denn auch ohne Zweifel die Dar⸗ ſtellung geweſen, die ſich auf den von Robert herangezogenen Vaſen des 5. Jahrh. befindet: das liſtige,

männlich tapfere Weib, das kalten Bluts den Gatten erſchlug, verteidigt kühn den Buhlen auch gegen den eigenen Sohn.

Die äſchyleiſche Oreſtie zeigte uns in Klytämneſtraeinen Koloß verruchter Weiblichkeit, der gleich⸗ ſam in den Rieſenſchatten des ſchauerlichen Nachtgemäldes, das den Hintergrund der Tragöͤdie bildet, zu einer ſchreckhaften Größe emporwuchs.(Klein, Geſch. des Dramas, I, 261.) Grauenvoll und ſchrecklich, und doch wieder großartig, eine Lady Macbeth des Altertums, hat das dämoniſche Weib, das in ſich den Rache⸗ geiſt des Atreus und Thyeſtes entſtanden wähnt, den Schickſalsfluch erfüllt, der auf dem Hauſe des Atreus ruht: durch den an der eignen Tochter vollbrachten Frevel hat Agamemnon blutige Schuld auf ſich geladen, ſein Leben verwirkt; ſeine That fällt auf ſein Haupt zurück; durch ſein eignes Weib wird das verletzte Naturrecht geſühnt. Aber mit dieſer That wieder hat Klytämneſtra die Schranken der von Zeus eingeſetzten ſittlichen Weltordnung ſelbſt durchbrochen. So muß die trotzige Verbrecherin, das von Liebe und Haß, Leiden⸗ ſchaft und Rachedurſt titanenhaft mächtig erregte Weib, das angeſichts des Todes noch einmal ſeine männliche Entſchloſſenheit an den Tag legt und einen Stahl zur Wehr verlangt, dann aber mit flehenden Worten die Bruſt des Sohnes zu rühren ſucht, auch ſeinerſeits den verdienten Tod erleiden von dem, den die Gottheit ſelbſt als Rächer des Vaters beſtellt hat.

Während in dem äſchyleiſchen Drama nochdie Schauer des Erhabenen über den abſcheuwürdigſten der Morde und über die Geſtalt der ſiegesfrechen Mörderin ausgegoſſen waren, ſind die Farben, die Sophocles für ſeine Klytämneſtra benutzt, abgeblaßter, ihre Erſcheinung iſt nicht mehr ſo großartig mächtig, ſie iſt nicht mehr die ſiegesbewußte Verbrecherin, wie bei Aeſchylus, die eine göttliche Miſſion erfüllt zu haben glaubte, als ſie das Beil gegen den Gatten ſchwang; ſie iſt ein verbrecheriſches, buhleriſches Weib, das ſein ſündhaftes Glück mit Mord im Verein mit Aegiſth erkauft hat und nichts höheres kennt als in ungeſtörtem Genuß dieſes Glücks auch fernerhin ſich erfreuen zu können; in Gebet und Opfer ſucht ſie die Qualen ihres durch den nächtlichen Traum ſchwer geängſtigten Gewiſſens zu lindern; ihre Unnatur gegen ihre Kinder tritt deutlich genug zu Tage, wenn ſie auch der Dichter nicht ganz jeglichen mütterlichen Gefühls bar gezeichnet hat.

So hat der Dichter, indem er das Charakterbild der Klytämneſtra möglichſt düſter darſtellen wollte, in ſeiner Elektra einen doppelten Zweck nach unſrer Auffaſſung verfolgt: einmal im Geiſt der epiſchen Auffaſſung den Mord des Oreſt an einer ſolchen Mutter als eine berechtigte ja ruhmeswürdige That, ja geradezu als eine ſittliche Pflicht hinzuſtellen anders Aeſchylus, der nur das darſtellen konnte, was im religiöſen Bewußtſein ſeines Volkes wahr und lebendig war.(Vgl. O. Jahn, aus der Altertumswiſſenſchaft, S. 376.) Aber zu gleicher Zeit verfolgte wohl Sophocles auch noch den andern Zweck, eine Thatſache der Sage und das war der auf Befehl der Gottheit vollzogene Racheact des Oreſt gegen die Kritik eines Euripides ſicher zu ſtellen und ihr dichteriſche Wahrheit zu verleihen. Dieſer hatte in ſeinerElektra,