Aufsatz 
Klytämnestra in der griechischen Dichtung / von Rudolf Glaser
Entstehung
Einzelbild herunterladen

25

Der zu jeder Zeit hochgehaltene und durch des Aeſchylus Oreſtie wieder von neuem jedem Athener vertraute Mythus von dem Muttermöͤrder Oreſt hatte den Apollo in directe Verbindung mit der That gebracht, als intellectuellen Urheber hingeſtellt, auf deſſen ausdrücklichen Befehl hin Oreſt im feſten Glauben an die Wahrhaftigkeit des göttlichen Auftrags den grauſigen Racheact vollzogen hatte, während er nach der That den auf ihn einſtürmenden Erinyen im Bewußtſein, einem heiligen Götterwort Genüge geleiſtet zu haben, mit männlicher Feſtigkeit entgegentrat. Des Euripides religiöſe Vorſtellungen, die auch die ſeiner ganzen Zeit waren, empörten ſich gegen einen ſolchen Auftrag, der ihm eines Gottes unwürdig erſchien.

O Phoͤbus, dein Orakel iſt voll Unverſtand,

das mich die Mutter ungebührlich morden heißt,(971, 973, Nauck) läßt er vor der That ſeinen Oreſt ſagen; ja dieſer ſpricht ſogar die Vermutung aus, nur ein Teufel in Geſtalt einer Gottheit könne ihm dieſe unnatürliche Zumutung gemacht haben. Und nicht genug mit dieſer verwegenen Kritik eines göttlichen Befehls durch Oreſt, die Dioskuren ſelbſt verdammen am Ende des Stücks den Spruch des Phöbus, wenn ſie ſagen v. 1246

Phöbus ſprach, ſo weiſe, keinen weiſen Spruch.

Zwar führt nach des Dichters Darſtellung das Geſchwiſterpaar den Muttermord aus: aber wie gebrochen und voll tiefer Reue ſtehen die Beiden an der Leiche der Mutter, wie ringen ſie voller Verzweiflung die Hände über das Werk, wozu die Gottheit ſelbſt Auftrag und Segen gegeben hat.

So wurde, indem Euripides in der Behandlung der überlieferten Sage die unbedingte Verpflichtung der Blutrache auch an der Mutter nicht anerkannte, ihre veränderte Darſtellung gleichzeitig eine Verurteilung derſelben. Gegen ſie trat nach Wilamowitz' überzeugender Darlegung Sophocles in die Schranken mit ſeiner Elektra.Denn die Weiſe, mit dem Mythus umzugehen, wie es Euripides hier gewagt hatte, war ein Sophocles' Augen, dem die Heldenſage allezeit ein heiliges Vermächtnis geweſen war, nicht blos frivol und blasphemiſch: es war die barſte Negation ſeiner Dichtungsweiſe.¹)

Wenden wir uns zur Frage, wie Euripides Klytämneſtra gezeichnet hat.

Agamemnons Gemahlin iſt hier in einem weſentlich vorteilhafteren Lichte dargeſtellt als bei Aeſchylus und Sophocles und in dem Maß wie der Dichter für ſie in den Herzen der Hörer Synpathie und Wohl⸗ wollen zu erwecken befliſſen war, hat er alles gethan um Aegiſths Charakter möglichſt abſtoßend zu zeichnen und Oreſts und Elektras That als ein ſchweres entſetzliches Verbrechen hinzuſtellen. Aus Furcht, Elektra möchte einſt einen Sohn gebären, der ein Rächer der dem Großvater widerfahrenen Schmach werden könnte, hat Aegiſth anfangs jeden Freier abgewieſen.

Doch weil auch hier Gefahr ihm droht, ſie könnte wohl

auch heimlich Kinder bringen einem mächt'gen Mann, gedacht' er ſie zu töten. Doch die Mutter, ſonſt

wohl grauſam, riß ſie dennoch aus Aegiſthens Hand. 25 ff.

So verdankt Elektra der Fürſorge der Mutter ihr Leben. Ihr Los iſt aber durch Aegiſths Härte doch kein beneidenswertes; ſie iſt durch ihn, nicht durch die Mutter zur Ehe mit einem armen Landmann gezwungen worden; fern weg von Mykenä, an der Grenze des argiviſchen Gebietes wohnt ſie in den dürftigſten Verhältniſſen, denn

ein geringer Eidam ſchafft ihm nur geringe Furcht.

*y Vgl. hierüber die geiſtvolle Auseinanderſetung von Wilamowitz⸗Möllendorfs im Hermes, Bd. 18.

Anders freilich Mau, a. a. St., der im Gegenſatz zu Wilamowitz die euripideiſche Darſtellung, namentlich die Scene, wo beide Geſchwiſter tief gebrochen an der Leiche der Mutter ſtehen, als einen lebhaften Proteſt gegen die Sophocleiſche Auffaſſung anſieht, demnach die Euripideiſche Elektra für jünger hält als die Sophocleiſche. Zu demſelben Ergebnis, taber auf anderem Weg, gelangt Ribbeck, Leipziger Studien, 8, 362 ff.