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Ich kann mich keiner der althergebrachten und immer wieder von neuem verfochtenen Anſicht von der Großartigkeit der Sophocleiſchen Elektra aus den bereits angegebenen Gründen anſchließen, muß vielmehr in M. Carrieres Urteil miteinſtimmen, der(Hellas und Rom S. 283) erklärt, daß, da der Schauder der Natur der Heldin und ihrem Bruder erſpart bleibe, dies ein Rücktritt in ſittlicher Beziehung ſei; unbegründet freilich⸗ i*ſt ſeine Annahme, daß ein folgendes Drama nun auch den Geſchwiſtern Kummer und Seelenverwirrung nicht erſpart und erſt nach neuen Kämpfen den Frieden gegeben haben werde: das Stück iſt uns als Einzeldrama überliefert und auch darnach als ſolches zu beurteilen.(Vgl. Günther, Grundzüge der trag. Kunſt S. 146).
Wir werden nicht irren, wenn wir annehmen, daß Sophocles ſelbſt die Schwäche ſeiner Motivierung des Muttermords als einer ſittlichen Pflicht empfunden hat und die große dramatiſche Kunſt, die er zur Löſung jenes ſchwierigen Problems anwandte,(vgl. Hüttemann, a. a. St. S. 24) weiſt darauf hin, daß er ſich⸗ ſeiner ſchweren Aufgabe völlig bewußt geweſen iſt; nicht minder bezeugt dies das raſche Hinweggehen über den blutigen Act, um bei dem unter allen Umſtänden berechtigten Strafgericht des Aegiſthus, das alſo im Gegenſatz zu den Choephoren an das Ende gerückt iſt, länger zu verweilen und das Stück einigermaßen be⸗ friedigend ausklingen zu laſſen.
Der Umſtand, daß Sophocles einesteils von Steſichorus abwich, der den Muttermord als eine Blut⸗ ſchuld dargeſtellt hatte, der die Strafe in Geſtalt der Erinyen auf dem Fuß nachfolgen müſſe, andernteils aber auf die epiſche Tradition zurückging, die die unbedingte Verpflichtung des Sohnes zur Blutrache, wenn der Gott es will, anerkannt, ja als ein glückverheißendes Unternehmen ohne nachfolgende Sühne durch die Erinyen hingeſtellt hatte, ſcheint ſeine Begründung zu haben in der Darſtellung der Euripideiſchen Elektra. Dieſes⸗ Drama war wohl der Sophocleiſchen Elektra vorangegangen; durch ſie angeregt griff auch Sophocles ſeiner⸗ ſeits zu demſelben Stoff, den bereits Aeſchylus dem Publikum vorgeführt hatte, wich aber, um die reine epiſche Aeberlieferung,¹) wie ſie bereits Aeſchylus verlaſſen zu haben ſchien und über die nun ſein jüngerer Neben⸗ buhler von neuem ſich kühn hinausgeſetzt hatte, gegen dieſe Art der Mythengeſtaltung ſicher zu ſtellen, in den Hauptpunkten weſentlich von ſeinen Vorgängern ab.
Klytämneſtra bei Euripides.
Kein Trama des dritten großen Tragikers iſt ſo ſehr geeignet, ihn als einen echten Sohn ſeiner Zeit⸗ erſcheinen zu laſſen als ſeine„Elektra“; iſt dieſe Tragödie doch gleichzeitig die einzige uns erhaltene, die uns ſeine Eigenart in der Behandlung desſelben Stoffes erkennen lehren kann, den Aeſchylus und Sophocles ebenfalls als fruchtbares Motiv für dichteriſche Geſtaltung in ihren bereits beſprochenen Dramen benutzt hatten.
Es würde uns von dem Thema zu weit abführen, wollte ich auf eine äſthetiſche Würdigung der Euripideiſchen Elektra hier eingehen. Ich verweiſe hierfür auf Schlegel, Vorleſ. über dramat. Kunſt I, 231 und Wilamowit;, die beiden Elektren(Hermes Bd. 18.) Nur auf einen Punkt ſei hier kurz. hingewieſen. Schon bei einer flüchtigen Lectüre des Stücks tritt uns als charakteriſtiſche Eigentümlichkeit des Dichters die Art entgegen, wie er an dem überlieferten Mythus Kritik übt und ſich kühn über die über⸗ kommene Heldenſage hinwegſetzt.
¹) Wenn Zeus in der Odyſſee die That des Oreſt billigt, ſo hatte, wie Wilamo witz meint a. a. O. S. 237, Sophocl. wohl das Recht, dieſe Billigung auch auf den Muttermord zu beziehen, den er in 1, 310 erwähnt fand. Aehnlich Cruſius, der ebenfalls der Anſicht iſt, daß Sophocl. aus 1, 310 auf den Muttermord des Oreſt.
geſchloſſen habe.


