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gehobon, die meines Erachtens geeignet ſind, die Verbrecherin unſrer Teilnahme nicht ganz unwürdig erſcheinen zu laſſen: das eine milde, nach unſerer Auffaſſung aufrichtig empfundene Gefühl der Trauer über den Verluſt eines Kindes, das ſie mit Schmerzen geboren, dieſer eine menſchliche Zug allein läßt uns die Verworfenheit der Königin einen Augenblick vergeſſen und zeigt uns, daß ihr Herz nicht ſo ſehr verſtockt iſt, daß nicht auch noch eine weiche Regung in ihrer Bruſt Raum finden könne.
Und wenn es wirklich auch dem Dichter gelungen ſein ſollte, wie die Herausgeber annnehmen, ein vollendetes Bild menſchlicher Schlechtigkeit in Klytämneſtra darzuſtellen, in dem Moment, da Oreſt den tödlichen Schlag thut und Elektra mit ihrem„Triff doppelt“ der um Mitleid und Erbarmen flehenden Mutter den Weg zum Herzen des Sohnes abſchneidet, erwacht in uns unwillkürlich ein Gefühl des Abſcheus und Entſetzens nicht nur gegen die unnatürliche Tochter ſondern gegen die furchtbare That überhaupt und wir dürfen an⸗ nehmen, daß die gebildeten Griechen des perikleiſchen Zeitalters nicht anders gedacht und empfunden haben wie wir auch. Klyrämneſtra iſt uns nicht nur das verbrecheriſche Weib, in dieſem Augenblick erſcheint ſie uns nur als die Mutter und die That der Geſchwiſter bedeutet einen viel zu tiefen Riß in die ſittliche Weltordnung, als daß die vorausgehende Darſtellung uns über das Schreckliche der That hinwegtäuſchen könnte.
Die Schilderung von Elektras traurigem Loſe, ſo genial und vollendet ſie von dem Dichter gegeben iſt, kann in dem mit der Heldin ſich gewiſſermaßen identificierenden Zuſchauer doch nicht ſo wirkungsvoll geweſen ſein, daß ſie den Abſcheu vor dem Muttermord zu verringern im Stande geweſen wäre; die pſychologiſche Motivierung von Elektras: Triff doppelt kann höchſtens vorübergehend über die furchtbare That dem Hörer hinweggeholfen haben. Daß bald das Gefühl des Ekels und Abſcheus überwiegen mußte, daß des Oreſtes Worte v. 1300, mit denen er Elektras Freude zu dämpfen ſucht:
Sind wir glücklich erſt ans Ziel gelangt, dann freue dich und lache frei und ungehemmt! coder ſeine Reflexion nach vollbrachtem Morde O daß ſogleich ein ſolches Strafgericht, der Tod jedweden träfe, welcher Recht und Satzung frech verachtet! Nicht ſoviele gäbs der Frevel dann¹)(1505 ff.) jeglichem ſittlichen Gefühl des Atheners der damaligen Zeit Hohn ſprachen, wer möchte dies in Abrede ſtellen?
Wenn ja auch nicht zu leugnen iſt, daß in das Stück wunderbar ſchöͤne Stellen einverwoben ſind, (man vergleiche die Wehklagen der Elektra an des Oreſtes vermeinter Todesurne), ſo iſt es mir doch unbe⸗ greiflich, wie von den älteſten Zeiten(von Dioscorides an, der Antigone und Elektra die Meiſterwerke des Dichters nennt, à ́ spat ν ärpov) bis auf Schlegel und von ihm wieder bis auf die neueſten Herausgeber und Literarhiſtoriker das Drama ſo viel Bewunderung finden konnte. 2)
¹) Dindorf freilich athetiert dieſe Verſe und Mau in den comment. in honorem Mommseni S. 292 ſtimmt ihm bei; ſie empfinden mit Recht, daß ein ſolcher Vorſchlag zur Vereinfachung des Strafgeſetzes weder den Anſchauungen des Sophocl. entſprechen noch bei ſeinen Zuſchauern Anklang finden konnte. Ich ſage umgekehrt, weil die ganze Motivierung des Muttermordes den Zuſchauer nicht befriedigen konnte, iſt auch an einzelnen beſonders unbequemen Stellen nicht zu rütteln.
2²) So empfindet Schlegel, Vorleſ. über dram. Kunſt in dem ganzen Stück eine himmliſche Heiterkeit und den friſchen Hauch von Leben und Tugend. So erhebt Schneidewin⸗Nauck die Elektra des Sophocl. in jeder „Hinſicht, insbeſondere in bezug auf das Dramatiſche über die Choephoren und meint, durch den Muttermord des Oreſt feiere Recht und Ordnung den unbeſtrittenen Sieg. Nach Bernhardys Anſicht(griech. Literat. geſch.) ſchließt das Stück, welches das Gottvertrauen eines feſten Charakters ohne Mißton verherrlicht, mit einem Act der göttlichen Gerechtigkeit, von dem die Erinyen ausgeſchloſſen ſind. Bruhn, Lucubration. Eurip. cap. select. J. J. Supplem. XV, 324: nihil divinius quam quomodo Clytaemnestram occidi facit poëta.


