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nun von einer ſteten Angſt befreit, nein, indem momentan eine edle Regung in ihrem verſtockten Mutterherzen ſich geltend macht, ruft ſie aus v. 766 ff.
O Zeus, wie ſoll ich dies benennen? Nenn' ichs Glück?
nenn' ichs ein Unglück? Betrübend bleibts
daß Tod der Meinen mir das Leben retten muß. ¹)
Freilich iſt die Empfindung nur von kurzer Dauer; das freudige Gefühl, durch den Tod des Sohnes von dieſer Seite her jeder Sorge für die Zukunft ledig zu ſein, erſtickt raſch wieder die Stimme des noch nicht ganz erſtarrten Mutterherzens und die Worte, mit denen ſie dem Boten reichen Lohn für ſeine Meldung in Ausſicht ſtellt, während ſie den„frechen Läſtermund“ der ſich nun doppelt verwaiſt fühlenden, wehllagenden Elektra bald zum Schweigen zu bringen hofft, laſſen wieder die unnatürliche Mutter in ihrer abſtoßenden Kälte erkennen.
So ſoll das Strafgericht, das die Kinder an der entarteten Mutter nehmen— Oreſt reflectiert gar nicht lange über den vom Orakel ihm gebotenen Muttermord, der für ihn ein unabänderliches Factum iſt— als eine Art notwendiger Folge ihres ganzen Verhaltens, als ein gerechtes und verdienſtliches Werk erſcheinen.
Als Oreſtes das tödliche Beil gegen die Mutter erhebt, ſucht ſie mit wehmütig bittenden Worten das Herz des Sohnes zu rühren 1410
Kind, mein teures Kind, erbarme dich der Mutter! ruft ſie aus; doch der Weg zu ſeinem Herzen iſt ihr verſchloſſen. Du fühlteſt nicht mit ihm Erbarmen noch mit dem, der ihn gezeugt hält ihr Elektra entgegen. Und als ſie ruft Weh mir, du trafſt mich, da iſt Elektras furchtbar⸗grauſige Antwort Triff ſie doppelt, wenn du kannſt! damit ſpornt ſie den Bruder in ſeinem unmenſchlichen Beginnen an und erſtickt, wie ſie ſelbſt jedes kindlichen Gefühls ermangelt, durch ihr eiſiges„Triff' doppelt,“ jede weichere Regung des Bruders im Keime.
Wir fragen uns unwlllkürlich bei dieſer entſetzlichen Scene, wo eine Mutter von ihren Kindern kalten Blutes abgeſchlachtet wird, iſt die ſophoecleiſche Klytämneſtra denn wirklich ſo ſehr das verruchte Weib, daß die blutige That des Muttermords als notwendiger Act ſtrafender Gerechtigkeit dem atheniſchen Publikum erſcheinen und man es begreiflich finden konnte, daß Oreſt nicht wie bei Aeſchylus die Strafe der Erinyen trifft, der Chor vielmehr mit einem Triumphgeſang auf den endlich erlangten Sieg des Atridenſproſſen über ſeine ſchnöde Mutter und ihren Buhlen das Drama ſchließen kann?
Ich kann mich nicht zu der Anſicht derjenigen bekennen, die meinen, daß Klytämneſtra ſo dargeſtellt ſei, daß es unmöglich wäre, ihr die geringſte Teilnahme zuzuwenden, daß vielmehr, wie Nauck meint,„durch Oreſtes That Recht und Ordnung den unbeſtrittenen Sieg feiern.“ Ich habe bereits einige Punkte hervor⸗
¹) Wenn Nauck zu dieſer Stelle v. 766 bemerkt, Klytämn. bemühe ſich, die Freude über das unverhoffte Glück vor ihrer Umgebung zu verbergen, ſo widerſpricht dies ſeiner eignen Auffaſſung Einl. S. 20, daß Klytämn. die Stimme der Natur doch nicht ganz erſticken könne und einen Funken mütterlicher Liebe doch zu erkennen gebe. Ich halte obige Worte für den Ausdruck eines aufrichtig empfundenen Schmerzes und kann unmöglich der Auffaſſung derjenigen beitreten, die ſie für einen Verſuch halten, ſich mit den Forderungen des äußeren Anſtandes durch ein Wort heuchleriſchen Bedauerns leicht abzufinden. So Hüttemann, Poeſie der Oreſtesſage II, 26. Thudichum in ſeiner Ueberſ. der El. S. 332 meint ſogar, durch die Anwandlung von Mutterliebe gegen Oreſt werde ihrem Charakter eine mildernde Beimiſchung von Güte gegeben, die ihn in die Grenzen des Schönen zurückführe.


