Aufsatz 
Klytämnestra in der griechischen Dichtung / von Rudolf Glaser
Entstehung
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So fürchtet ſie beſtändig für ihr Glück, das ihr erſt ein vollkommenes zu ſein ſcheint, wenn Elektra, die ihr ein ſteter Vorwurf ihres ſündhaften Lebens iſt,(1784) die Hausgenoſſin, die mir immerdar mein lauter Herzblut ausgetrunken, ſagt ſie von ihr, beſeitigt iſt. Deshalb wollen Klytämneſtra und Aegiſth 379 ff. dahin ſie ſchicken, wo ihr nie der Sonne Strahl mehr leuchtet, wo in tiefgewölbter Felſengruft der Heimat fern, ſie ihren Gram ausweinen mag.

Ihre liebloſe Unnatur gegen ihre Kinder tritt ganz beſonders auch in dem Gebet an dem Altar des Phoͤbus zu Tag. Den Traum, den auch Aeſchylus aufgenommen hatte und der urſprünglich von Steſichorus herrührt, hat auch Sophocles mit einigen Veränderungen ſeine Klytämneſtra träumen laſſen; auch hier iſt die Königin durch das nächtliche Traumgebilde aus ihrer ſeitherigen ſicheren Ruhe aufgeſchreckt worden und hat Chryſothemis, Elektras Schweſter, mit Grabſpenden an des Vaters Ruheplatz geſchickt. Nicht genug damit, die Verbrecherin fühlt ſich in ihrer Gewiſſenspein ſo ſchwer geängſtigt, daß ſie ſogar den reinen Lichtgott Apollo um Hilfe und Beiſtand zur Erhaltung ihres ſündhaften Glücks anruft 648 ff.

Nimmer duld' es, wenn mit ränkevoller Liſt

von meinen Glückshöh'n einer mich zu ſtürzen ſinnt. Das andre, wenn es meine Lippe gleich verſchließt, eracht' ich alles dir, dem Gott, doch wohlbewußt.

Deutet ſie damit nicht klar genug an, daß ſie auf die eignen Kinder nur Tod und Unheil herabfleht, ohne freilich aus Furcht ihren Wünſchen einen deutlichen Ausdruck zu verleihen?¹)

Und doch erſcheint mir die Darſtellung der unnatürlichen Mutter, des verbrecheriſchen Weibes keine ganz conſequente zu ſein, wenigſtens wenn wir uns den Plan und die Abſicht des Dichters vor Augen halten, ein vollendetes Bild menſchlicher Verworfenheit und Verabſcheuungswürdigkeit in der Gattenmörderin uns darzuſtellen.

Man berückſichtige vor allem, daß Kiytämneſtra zu wiederholten malen nur als Mitthäterin des Mordes im Verein mit Aegiſth hingeſtellt wird(v. 97, 206, 270); da iſt die Aeſchyleiſche Klytämneſtra, die ſich rühmt, die That allein ausgeführt zu haben, furchtbarer und großartiger.Auch die freche Sicherheit in Leugnung der Wahrheit, das ſtolze Selbſtgefühl ob der That und die ſchamloſe Freude am Blut des Gatten, womit ſie im Agamemnon des Aeſchylus ſich brüſtet, iſt einer mehr ſchwankenden Haltung gewichen(Fleiſchmann S. 534). In dem Wortkampf zwiſchen der Königin und Elektra iſt die heftige Sprache Klytämneſtras auf die gehäſſigen Angriffe der Tochter zurückzuführen; Selbſtbeherrſchung und Würde eignet hier mehr der Mutter undauf die Erklärung der Elektra, daß ſie es zufrieden wäre, wenn ſie Oreſt zum Muttermörder erzogen hätte, Wilamowitz, Hermes, 18, 219 iſt die Drohung mit Aegiſths Heimkehr wirklich eine milde Entgegnung. ²)

Und als ihr die Nachricht von dem Tode des Oreſt von dem fremden Boten gebracht worden iſt, eine Mitteilung, die ihr ſelbſt dieſer als willkommene Freudenbotſchaft glaubt überbringen zu dürfen, da empfindet ſie nicht, wie wir nach ihrer ſeitherigen Schilderung erwarten, Frende über dieſe Kunde, die ſie

¹) Auch Nauck findet in v. 657 eine verſchleierte Andeutung eines gegen Elektra und Oreſt gerichteten Wunſches. Anders Fleiſchmann a. a. O. S. 538, Anm., der vermutet, daß ſie damit auf ihre Schuld und die Rechtfer⸗ tigung derſelben hindeute. Das Traumbild könne ſie ſo eingeſchüchtert haben, daß ſie wohl zu dem Entſchluß fähig wäre, ſich vor dem Gotte wenigſtens zu demütigen.

²) Zu weit geht natürlich wieder Schöll, Einl. zu El. S. 15 ff., wenn er meint, daß Sophocles in Klytämneſtra ein Ideal tiefſittlicher Mutterliebe habe darſtellen wollen und die Hauptſchuld des Conflicts auf Elektra falle.