Aufsatz 
Klytämnestra in der griechischen Dichtung / von Rudolf Glaser
Entstehung
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Darum auf Rache, ſag' ich, ſinnt verſteckt im Haus ein feiger Löwe,¹) der im leeren Bett ſich wälzt, auf Rache, wehe!, meinem heimgekehrten Herrn. Mit kurzen aber ſcharfen Worten kennzeichnet ſie dann das liſtige Weib Klytämneſtra 1228 ff. Nicht weiß er, was in langer Schmeichelrede ihm verhaßter Hündin Zunge gleißneriſch gedroht und gleich verborgner Fluchunholdin argen Glücks vollführet Weiberfrechheit, Mannesmöͤrderin! welch' häßlich Untier nenn' ich, deſſen Name trifft? Wie ſie aufgejauchzt, die Freche, gleich dem Sieger hinter ſeinem Feind, Doch Freude ſchien es ob beglückter Wiederkehr.

So iſt der Blick der Seherin nicht nur in die Vergangenheit gerichtet, auch die nächſte Zukunft ſteht klar vor ihrem Auge; ſie ſieht ſchon im Geiſte das Mordbeil, das nicht nur gegen den König ſondern auch gegen ſie von der Hand des verruchten Weibes geſchwungen wird. Mit den Worten 1309, 1311

Wehe, wehe, die Hallen hauchen Mord, bluttriefenden Mord mir zu, es ſteiget Dunſtqualm gleichwie aus dem Grabe auf, bereitet ſie den Chor auf das Furchtbare vor und geht dann ſelbſt klaren Blicks dem Tode entgegen. Der Schmerzensſchrei des zu Tode getroffenen Agamemnon, der hinter der Scene ruft, 1343. O weh, geſchlagen bin ich! ach, ein Todesſtreich! zeigt, wie wahr Kaſſandra geſprochen; die volle Gewißheit erhält der Chor durch Klytämneſtras Erſcheinen, die blutbeſpritzt die Leichen Agamemnons und Kaſſandras auf die Bühne bringen läßt.

Keine Spur von Reue verrät ſich in den Worten, mit denen ſie ihre That begründet. Seit Jahren iſt ſie überlegt, iſt das Beil geſchliffen; unumwunden und frei im Gefühl befriedigter Rache bekennt ſie ſich des Mordes ſchuldig am eignen Gatten und an Kaſſandrader kampferrungnen Zeichenſchauerin, Genoſſin ſeiner Nächte. 2)

Und nicht genug, daß ſie ihren Arm einmal gegen den hinterliſtig überfallenen Gatten erheben konnte, das Gefühl der Rachſucht und blinde leidenſchaftliche Wut hat ſo ſehr in ihrer Seele alle andren Regungen von Liebe und Mitleid ertötet, daß ſie noch einmal und zum dritten mal das Mordbeil gegen ihn ſchwingt, bis er verröchelnd ſchlaff die Glieder ſinken läßt.

Und jähen Mordſtrahl ſprudelnd aus der Kehle trifft

er mich mit einem dunkeln Tropfen Purpurthaus.

O Luſt für mich, ſo wie des Himmels Naß erquickt

die lechzende Saat, wanns ſchwellen will im Kelchesſchoß. 1388 ff.

¹) XLovr avaxlxrein Löwe nur der Wildheit und Verderblichkeit, nicht dem Mute nach. Wecklein. Auch Kaſſandra deutet mit dieſen Worten an, daß nur das Gefühl, Rache zu nehmen, Aegiſth in die Arme der Klytämneſtra getrieben hat.

*) Es iſt ja wohl nicht in Abrede zu ſtellen, daß ähnlich wie die homeriſche Klytämn. des 11. Geſ. der Odyſſee auch⸗ Klytämn. bei Aeſchylus einigermaßen durch das Gefühl der Eiferſucht wegen der früheren Buhlſchaften des Agam. ſie nennt ihn Xpuorftècv Heihtruäa y ön' Dioder Chryſestöchter Augenluſt vor Ilion in der Aus⸗ führung ihres Planes beſtärkt worden iſt, ſo daß alſo ſein Tod als Sühne für ſeine Untreue erſcheinen könnte; aber der Entſchluß zum Mord iſt nach der ganzen Darſtellung des Dichters ſo unmittelbar an die Opferung in Aulis geknüpft, daß der Entſchluß zur That längſt vorhanden war, ehe dieſes neue Motiv ſeine treibende Kraft. ausüben konnte.