Aufsatz 
Klytämnestra in der griechischen Dichtung / von Rudolf Glaser
Entstehung
Einzelbild herunterladen

17

Keine Stelle im ganzenAgamemnon zeigt mir ſo deutlich wie gerade dieſe, wo die Mörderin mit einer wahrhaft diaboliſchen Freude von ihrer Blutthat erzählt, daß nach des Dichters Darſtellung nur Rach⸗ ſucht das Motiv der That geweſen; oder wäre ihre Wonne pſychologiſch erklärlicher, wenn die That ehe⸗ brecheriſcher Liebe entſprungen wäre?

So ſteht das Weib in wahnſinniger Freude triumphierend an der Leiche des Gatten und frohlockt über die Meiſterarbeit ihrer Rechten; dem widerwärtigen Raben gleich ſteht über der Leiche ſie; krächzend ſtimmt ſie nach dem Mord ihr Triumphlied an.(1472 ff.)

Und doch gäbe die Verbrecherin etwas darum, wenn ſie den Palaſt nun befreit ſähe von dem Wahn⸗ ſinn wechſelnder Morde, wenn ihre That der Vergeſſenheit anheimfiele und ſie an der Seite des erbärmlichen Feiglings Aegiſth, der erſt jetzt nach dem Tode des Königs aus ſeinem Verſtecke kriecht, die Frucht ihres Frevels ungeſtoͤrt genießen könnte. Es dämmert auch wohl in ihrer Seele ein geheimes Grauſen, daß die Tragödie im Atridenhaus noch nicht beendigt ſei und daß die Worte wahr werden möchten, die die zur Schlachtbank gehende Kaſſandra einſt geweisſagt:

Doch ungeahndet bleibt mein Tod dem Himmel nicht;

er ſendet als Vergelter einen andern her,

den Vaterrächer, Muttermörder, ihren Sproß.

Der ſtellt ſich ein, als irrer Flüchtling, heimatfremd,

des Elends Schlußſtein ſetzt dem Hauſ' er krönend auf.(1280 ff.)

Wir ſind im Vorausgehenden in der Characteriſtik Klytämneſtras der Darſtellung gefolgt, wie ſie Aeſchylus imAgamemnon gegeben hat und dieſe verdient auch zum Ausgangspunkt ihrer Zelchnung gemacht zu werden, da in den Choephoren bereits ihr Character an Furchtbarkeit und Herbe verliert, weil das ehe⸗ brecheriſche Verhältnis zu ſehr in den Vordergrund tritt. Und grade dadurch unterſchied ſich des Aeſchylus Agamemnon von der Oreſtie des Steſichorus. Denn wir dürfen wohl mit Recht annehmen, daß nach des Steſichorus Darſtellung die ehebrecheriſche Liebe Klytämneſtras zu Aegiſth der Ausgangspunkt der ganzen Dichtung geweſen iſt, während imAgamemnon dieſes Moment ganz in den Hintergrund tritt.

In den Choephoren iſt die Anlehnung an den großen Lyriker unverkennbar. Vor allem iſt der Traum Klytämneſtras, durch den die Köͤnigin aus der Ruhe ihres ſeitherigen frevelhaften Zuſammenlebens mit Aegiſth aufgeſchreckt worden iſt, ſteſichoreiſch(ogl. S. 9). Ein haarſträubendes Schreckgeſpenſt, ſo erzählt der Chor, ließ um Mitternacht einen gellenden Schrei vernehmen und ſchreckte vom Schlummerbett die Koͤnigin. Ihr träumte, es habe ſich ihrem Schoß ein Drache entwunden, dem ſie die Beuſt gereicht.

Doch Klumpen Blutes ſog er mit der Muttermilch.

Klytämneſtra ſucht den Geiſt des gemordeten Gatten, der ſie, wie ſie wähnt, in dieſem Traumbild an ihre ſchwere Schuld gemahnt hat, durch Grabesſpende zu beſchwichtigen.)

Die Vornahme derſelben durch ihre Tochter Elektca, der ſie den Auftrag dazu gegeben, führt zur Erkennung des Bruders, der nach Argos gekommen iſt, um auf Befehl Apollos Rache an den Moͤrdern des Vaters zu nehmen und deſſen erſter Gang zum Grabe desſelben geweſen iſt.

¹) Robert vermutet, daß wie der Traum bei Aeſchylus durch den die Totenſpende und das Wiederſehen der Geſchwiſter am Grab des Agamemnon herbeigeführt wird, ſteſichoreiſch iſt, ſo auch die ganze Scene auf ſteſichoreiſcher Erfindung beruht.