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Nur der Umſtand, daß Agamemnon zu ſehr in der Freude ſchwelgt, läßt ihn die Unwahrheit und Unlauterkeit ſeines Weibes nicht erkennen, während Klytämneſtra ſelbſt im Bewußtſein ihrer wahren Geſinnung durch die Fülle und Künſtlichkeit der Schmeichelworte in dem Herzen des Gemahls jeden Verdacht, daß ſie es nicht aufrichtig meine, im voraus zu erſticken ſucht. Nachdem ſie mit ihren Schmeicheleien, mit denen ſie den König faſt überſchüttet, zu Ende gekommen, beſtrebt ſie ſich durch das beinahe goͤttliche Uebermaß von (Ehren, die ſie ihm aufdrängt, um ſo ſicherer ihn in die geſtellte Falle zu locken.
Im Innern des Gemaches ſind ſeit langen Jahren die Vorbereitungen getroffen, um dem König ſo⸗ fort nach ſeiner Rückkehr aus Feindesland den Untergang zu bereiten. Nach orientaliſcher Sitte ſoll er über Purpurteppiche in das Innere des Hauſes ſchreiten; als er ſich weigert, die Ehre anzunehmen, mit der man nur die Götter ehre, kommt es zu einem Wortwechſel zwiſchen beiden Gatten, der zeigt, wie wenig Klytäm⸗ neſtras wahre Empfindungen für ihren Gemahl mit ihren hochtönenden Phraſen von Liebe und Ergebenheit eim Einklang ſtehen..
Iſt bis hieher der Grundzug ihres Characters Liſt und Heuchelei geweſen, waren ihre Verſtellungskänſte nur darauf berechnet, den König ſicher zu machen, ihn womöglich zu einem Act der Selbſtüberhebung zu ver⸗ leiten— empfindet er doch ſelbſt das Gefährliche der ihm zugedachten Ehren, wenn er ſagt(925)
Beſchwöre nicht des Himmels Groll auf meinen Weg
mit deinen Decken ſo zeigt ſie ſich als ein Ungeheuer in Menſchengeſtalt, nachdem ſie den Gatten, den ſie beim Bade in ein netzartiges Gewand verſtrickt und dadurch wehrlos gemacht, mit eigner Hand erſchlagen hat, worauf ſie triumphierend über die gelungene That an der Leiche Agamemnons und Kaſſandras die ganze Furchtbarkeit ihres Characters zu Tage treten läßt. Da die ganze ſceniſche Einrichtung des griechiſchen Theaters die Dar⸗ ſtellung der Blutthat ſelbſt unmöglich machte, ſo werden wir nur andeutungsweiſe mit den inneren Vorgängen im Hauſe bekannt gemacht und zwar durch den Mund der Seherin Kaſſandra, die Agamemnon als ſchoͤnſter Preis der trojaniſchen Beute verliehen worden iſt.
Die Scene, die uns das Geſpräch der unglücklichen Prieſterin des Apollo mit dem Chor bringt, bildet den Höhepunkt des Stücks. Anfangs mehr in abgeriſſenen Monologen ſprechend als in zuſammenhängender Unterredung mit dem Chor deutet ſie in immer leidenſchaftlicher werdenden Sprache auf die furchtbaren Gräuel des Atridenhauſes hin, die in ihrer Erinnerung nun vorüberziehen und ihren Seherblick auf die kommenden Unthaten hinlenken. So erſcheint ihr in lebendigem Bilde der Fluchgeiſt des Hauſes, auf deſſen blutgedüngtem Boden ſie ſteht; ſie ſieht die Erinyen ſitzen 1191 ff.
am Herde, wie ſie ſingen einen Sang von grauer Urſchuld; voll Haß dem Schänder brüderlichen Eh'betts fluchen. ¹) Und wiederum erſcheinen vor ihren Augen die von Atreus hingeſchlachteten Knaben des Thyeſt, 1217 ff. Seht ihr ſie nicht, die jungen Knaben ſitzen dort am Hauſe, blut'gen Traumgeſtalten gleich der Nacht? Es ſcheinen Knaben, die des Freundes Arm erſchlug. Sie tragen ſelbſt, o grauſe jammervolle Laſt!— ihr Herz und Eingeweide, das der Vater aß.
¹) Anſpielung auf des Thyeſtes Verhältnis zu Atreus Gemahlin.


