Aufsatz 
Klytämnestra in der griechischen Dichtung / von Rudolf Glaser
Entstehung
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geknebelt von erſtickender Gewalt,

daß ſie ſich öffnen nicht zum Fluch des Hauſes, dann empfinden auch wir mit dem Chor das Gräßliche, das in dieſem Menſchenopfer liegt und begreifen die bangen Ahnungen desſelben, daß nach den Seherſprüchen des Kalchas(Téxyar*oε‿avroc) das Unheil in Agamemnons Hauſe noch nicht abgeſchloſſen iſt

denn Dike wägt denen, die litten,

Lehre zu als einſtige Frucht.(250.) Sie laſſen erkennen, daß die Erinnerung an die Blutthat in Aulis frohe Empfindungen in den Herzen der Greiſe nicht auſkommen läßt.

Läßt hier ſchon der Chor durchblicken, daß er, wenn Klytämneſtra einen urſächlichen Zuſammenhang zwiſchen dem Mord der Tochter und des Gatten entwickeln ſollte, kaum mit Nachdruck widerſprechen wird, ſo tritt die Auffaſſung derſelben, daß Agamemnons Tod eine Sühne ſei für das unſelige Opfer in Aulis, ganz deutlich in der Unterredung zwiſchen Klytämneſtra und dem Chor nach der Ermordung des Königs hervor. Zur Rechtfertigung ihrer That beruft ſich Klytämneſtra auf die Schuld ihres Gemahls, der

ihr Kind zur Schlachtbank führte, ach, den teuerſten Schmerz ihres Schoßes ihr geraubt.

Wie, war es nicht er, der tückiſchen Mord

in ſein Haus gebracht?

Iphigenie, ewig beweintes Kind,

mein und ſein Kind, das ſchlanke Reis!

Wie er that an ihr, ſo lohn' ich es ihm.(1525 ff.)

So iſt Groll über die ihr geraubte Tochter, weniger das Gefühl der gekränkten Mutterliebe man vergleiche ihr Verhalten gegen Oreſt und Elektra das Motiv ihrer That. Dabei will ſie die Berechtigung derſelben begründen und den Mord von ſich ab auf das Schickſal wälzen, deſſen willenloſes Werkzeug ſie geweſen ſei.

Du rufeſt hinaus, die That ſei mein,

doch ſage du nicht,

hier ſtehe noch Agamemnons Gemahl.

Es verwandelte ſich in des Toten Weib

der alte grimmige Rachegeiſt,

erſtanden vom grauſamen Atreusmahl,

am vollendeten Mann

ſucht heim er der Säuglinge Opfer. 1497 ff.

Dieſer Darlegung des Zuſammenhangs zwiſchen Schuld und Sühne, wie ihn Klytämneſtra entwickelt, vermag auch der Chor nicht zu widerſprechen. Faſt wie ein Zugeſtändnis klingen die Worte 1560 ff.

hier ſtellt ſich trotzig Schimpf wider den Schimpf. Schwierig iſt die Entſcheidung. Wer Gruben gräbt, ſtürzt, es büßt der Mörder.

Wir können uns dieſe Worte nur ſo erklären, daß wir annehmen, daß der Chor die Motivierung der

That, wie ſie Klytämneſtra gegeben, anerkennt und keine Beſchönigung verborgener Beweggründe darin erblickt. ¹)

¹) Fleiſchmann meint, wenn der Chor es unterlaſſe, der Königin ein Spiegelbild ihrer wahren Geſinnung vor Augen zu halten, ſo erkläre ſich dies aus ſeiner unterwürfigen Stellung gegenüber der Fürſtin. Sollte wirklich der Chor, wie ihn Aeſchylus gezeichnet, dieſes Opfer des Intellects bringen können und nicht vielmehr den Mut haben, wenn er andre Motive der That vermute, auch dieſe freimütig vor der Königin auszuſprechen und ihr die Maske der Heuchelei vom Geſichte zu reißen?