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Verkauften gleich ſo irren unſtät ſie umher, verkauft von ihrer Mutter, welche ſich getauſcht zum Mann Aegiſthen, ihres Mords Mitſchuldigen.(Choeph. 132 ff.) Zur Rache wird er entflammt gegen die, die voll Uebermut wollüſtig ſchwelgen in den Früchten ihrer Mühe.
Ganz beſonders tritt die Betonung des ehebrecheriſchen Verhältniſſes und der unreinen Leidenſchaft als der treibenden Urſache des Mords gegen Ende des Stücks kurz vor der Tötung Klytämneſtras hervor.
Als Klytämneſtra ruft: Weh', biſt du mir erſchlagen, holdeſter Aegiſth fragt Oreſt:
Du liebſt den Mann? So liege denn in einem Grab, ſtirb an ſeiner Seite, hielteſt du doch auch im Leben höher denn den Vater ihn.(894, 905)
Es darf aber dieſe Betonung des ehebrecheriſchen Verhältniſſes in den Choephoren nicht auffallend erſcheinen in anbetracht deſſen, daß Klytämneſtra und Aegiſth nun ſchon längere Zeit zuſammenleben. Gerade um den Muttermord des Oreſt— ſo unnatürlich und furchtbar auch die That objectiv betrachtet erſcheinen mußte— als ſubjectiv berechtigt erſcheinen zu laſſen, mußte der Dichter alles fern halten, was nur einiger⸗ maßen zur Entlaſtung der Mutter, zur Verwirrung des einem Befehl des Gottes blindlings folgenden Oreſtes dienen konnte.
Wenn die Mutter nichts weiter war als das ſinnlich⸗lüſterne Weib, das nur um einen Feigling wie Aegiſth auf den Thron zu bringen, ſeinen Heldenvater mordete, erſt dann konnte die That des Oreſt begreiflich erſcheinen, dann erſt waren die Worte verſtändlich, mit denen er der Mutter das Schwert in die Bruſt ſtößt, 906 ff.
So ſchlaf' als Leiche bei ihm, denn du liebſt den Mann und den du hätteſt lieben ſollen, haſſeſt du.
Mir ſcheint deshalb für die Frage, auf die bereits Pindar eine Antwort ſuchte, weshalb nämlich die Klytämneſtra der Sage den Gatten getötet habe, mit Bezug auf die äſchyleiſche Klytämneſtra das 2. Stück der Trilogie nicht geeignet zu ſein, um daraus zu einer der Auffaſſung des Aeſchylus entſprechenden Antwort zu gelangen.
Welches Motiv erſcheint nun im„Agamemnon“ als das treibende zum Gattenmord? Die Opferung der Iphigenie tritt von Anfang bis zu Ende der Tragödie als das Moliv der That
hervor und iſt mit Recht als die ſittliche Grundlage des ganzen Dramas anzuſehen. Schon in der Parodos weiſt der Chor, der von trüben Ahnungen für die Zukunft ſeines Königs erfüllt iſt, auf die entſetzlichen Folgen, die nach den Andeutungen des Sehers das Opfer in Aulis haben wird, hin, das Opfer 153 ff.
Das unerhört, ohne Mahl iſt,
Zwietracht ſtiftet daheim(Cercécy Terroya uov)
Trutz gegen den Gatten.
Denn es harrt tückiſcher Groll als Herrin des Hauſes
Schrecklich erſtanden, brütet gedenk auf Rache. ¹)
Rachſucht kündigte alſo der Seher als unmittelbare Folge von Iphigeniens Tod an und ſeine Worte beängſtigen dann den Chor, daß er auch im Schlafe wie einen Alpdruck empfindet die aus der Erinnerung an jene That hervorgehende Angſt(arypicen ö d dia ynri 6o« v. 179). Und wenn wir dann v. 238 ff. die Schilderung des Hergangs beim Opfer leſen, wie der jungfräulichen Maid die Lippen verſchloſſen werden
¹¹) Man vergleiche zur Erklärung dieſes in unſrer Ueberſetzung nicht ganz klaren Gedankens Weckleins Bemerkung zu 161 ff.


