Böſe That gebiert
Nachher noch weitre Thaten,
Abbilder ihres Geſchlechts,
Rechtſchaffenem Haus aber entblüht
Segen auf Segen den Enkeln.(Agam. 757 ff.).
Agamemnon, unter dem Einfluß des Rachegeiſtes ſtehend, iſt in Aulis zu dem ſchrecklichen Entſchlu
gekommen, die eigne Tochter zu ſchlachten; kaum iſt er von Troja zurückgekehrt, ſo ſetzt der Dämon,„des ſchwarzen Hausfluchs trotzige Wut“ ſein Werk weiter fort. Klytämneſtra rächt den ihr durch die Wegnahme der Tochter angethanen Schimpf mit Gattenblut.(Inhalt des Agamemnon). In den Choephoren erſcheint Oreſt, im Auftrag des Gottes„und wiederum ſchwirrt durch die Luft der Mißton blutigen Racheſchlags“: die Mutter fällt durch die Hand des Sohnes. Die Strafe des Mörders iſt unvermeidlich. Die Eumeniden, die Rachegöttinnen,„die als Zeugen auftreten für den Schatten Erſchlagener und bis auf den Heller des Bluts Schuld eintreiben“ bringen des Mörders Verfolgung und Entſühnung auf dem Areopag in Athen.
Klytämneſtra in der Oreſtie.
Die Frage, die Pindar in dem 11. pythiſchen Siegeslied ſtellt v. 35, ob Klytämneſtras furchtbare That entſprungen ſei aus Rache und Erbitterung über den Verluſt ihrer vom Gemahl geopferten Tochter oder ob ſie aus ihrer ſinnlichen Leidenſchaft für ihren Buhlen Aegiſth zu erklären ſei, erſcheint mir auch für die Handlun gsweiſe der Aeſchyleiſchen Klytämneſtra mit Recht erhoben werden zu können.
Zwar iſt letzteres Motiv, die ſinnliche Liebe zu Aegiſth als das„ihr ganzes Weſen erfüllende, un⸗ aufhaltſam von Frevel zu Frevel treibende“(Fleiſchmann) öſters hingeſtellt worden; ich kann aber unmöglich in dieſer Auffaſſung die von dem Dichter gewollte Erklärung ihrer That finden.)
Ich kann als einzig treibendes Motiv für die Frevelthat der Aeſchyleiſchen K'ykämneſtra nur die Opferung Iphigeniens erblicken, wenigſtens deutet im„Agamemnon“ kein Wort darauf hin, daß noch andere Beweggründe mitgewirkt oder gar in erſter Linie maßgebend geweſen ſind, ſo daß das Rachemotiv in der Verteidigung Klytämneſtras nur als ein Beſchönigungsgrund erſcheinen könnte. Ueberhaupt iſt die Motivierung der That, die Klytämneſtra im„Agamemnon“ gibt und gegen die, wie wir ſehen werden, der aus argiviſchen Greiſen beſtehende Chor keinen Widerſpruch zu erheben vermag, auseinanderzuhalten von der Auffaſſung, die der Chor kriegsgefangener Dienerinnen und Elektra über die Ermordung des Königs zum Ausdruck bringen. In den Choephoren wird allerdings das ehebrecheriſche Verhältnis zwiſchen Klytämneſtra und Aegiſth, die nun ſchon längere Zeit vereinigt leben, als leitendes Motiv der Blutthat hingeſtellt, eine Entſchuldigung der That durch Berufung auf das von Agamemnon vergoſſene Blut der Tochter kennt weder der Chor noch Elektra und aauch Oreſt kennt aus der ganzen Darſtellung des Sachverhalts, die er aus deren Munde empfangen hat, nur jenes eine Motiv; zu wiederholten Malen wird er als der Befreier aus dem Elend der Knechtſchaft gefeiert, denn
¹) Welcker zuerſt in ſeinem Nachtrag zu der Schrift über die Aeſchyleiſche Trilogie S. 160 hat behauptet, daß nicht Rache wegen der geopferten Tochter ſondern Buhlſchaft der wahre Beweggrund zur Ermordung des Agamemnon geweſen ſei. Schömann in der Einleitung zu den Eumeniden erblickt darin einen weſentlichen Einfluß auf den Entſchluß zur That; ähnlich ſpricht ſich Wecklein aus, Einl. S. 20.„Das Verlangen nach Genugthuung verbindet ſich bei ihr mit unlauteren Beweggründen, mit Ehebruch und Herrſchſucht.“ Jene Welckerſche Auffaſſung iſt wieder von Fleiſchmann aufgenommen worden in Fleckeiſens Jahrb. Bd. 115, 517.„Sie verfiel dem Fluche, weil ſie der Verführung und der ſie ergreifenden Liebesleidenſchaft nicht den befreienden Widerſtand des ſittlichen Characters entgegenzuſtellen vermochte.“ Im Gegenſatz hierzu Planck, über den Grundgedanken des Aeſchyl. Agamemnon Ulm, 1859 und Cruſius a. a. O.: die ehebrecheriſche Liebe wird, den ſtrengen Grundſätzen des Dichters ent⸗ ſprechend, ganz in den Hintergrund gedrängt.


