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Robert iſt ſich freilich bei dieſer Reconſtruction der ſteſichoreiſchen Oreſtie der Einwände, die gegen ſeine Schlußfolgerungen erhoben werden können und auch der immerhin unſichern Vorausſetzungen, auf denen er ſeine ganze Hypotheſe aufbaut, bewußt geweſen. So epochemachend auch das Werk des großen Lyrikers geweſen ſein mag und ſo kühn und rückſichtslos er auch mit der volkstümlichen und poetiſchen Tradition viel⸗ fach gebrochen haben mag, es iſt mit den uns zu Gebote ſtehenden Mitteln der Beweis nicht zu erbringen, daß Steſichorus allein dieſe neuen Züge in der Oreſtesſage veranlaßt hat. Es koͤnnen ſich auch ſchon vor ſeiner Zeit Einflüſſe literariſcher Art geltend gemacht haben, die wir heute nicht mehr nachzuweiſen vermögen, die wir aber vielleicht ſchon in den Ausläufern des homeriſchen Epos, in den Gedichten der Kykliker zu ſuchen haben. Die Alkmäonis könnte beiſp. hierin vorangegangen ſein. ¹)
Thatſächlich iſt die Auffaſſung von dem Klytämneſtratypus, nach den Vaſen des 5. Jahrh. zu ſchließen, eine an die Darſtellung der Nekyhia ſich weſentlich anlehnende, vielleicht aber nicht direkt von ihr beeinflußte; ob nach Roberts Auffaſſung die Aenderungen und Neuerungen ausſchließlich der Einwirkung der ſteſichoreiſchen Muſe zuzuſchreiben ſind, iſt unmöglich zu entſcheiden. /2)
Nach den Vaſengemälden und, ſagen wir, nach zum Teil unbekannten Dichtungen des 7. und 6. Jahrh. erſcheint Klytämneſtra nicht mehr blos als die mitſchuldige treuloſe Verräterin ihres königlichen Gatten, ſondern geradezu als die Gattenmörderin, die mit eigner Hand dem König mit dem geſchwungenen Doppelbeil die tödliche Kopfwunde ſchlägt und die mit derſelben Waffe den Angriff zurückſchlägt, den der heimgekehrte Oreſt auf ihren Buhlen Aegiſth macht. So tritt uns als ein Grundzug ihres Weſens, wie es jene Zeit auffaßte, die männliche Verwegenheit entgegen, die gepaart mit Liſt und Thatkraft den furchtbaren Haß zum Ausdruck bringt, den ſie gegen ihren Gemahl, den Mörder ihrer Tochter, empfindet, ſo daß ſie kühlen Bluts die furchtbare That wagt; und nicht genug, daß das in ſeinen heiligſten Gefühlen ſich verletzt wähnende dämoniſche Weib gerechte Rache, wie es glaubt, an Agamemnon nimmt; derſelbe männliche Sinn läßt ſie auch die Hand erheben zum Schutz ihres Buhlen, um des willen ſie die Treue ihrem Gemahl gebrochen, zur Abwehr deſſen, der ge⸗ kommen iſt nicht nur gerechte Strafe zu nehmen an der Mutter ſondern auch an dem ehrloſen Feigling Aegiſth.
Klytämneſtra bei Aeſchylus.
Mit der Darſtellung des Klytämneſtratypus auf den Vaſen des 5. Jahrh., mit der übereinſtimmend wohl auch in Steſichorus' Dichtung die Gemahlin des Königs im Mittelpunkt geſtanden haben mag, während Aegiſth wohl mehr eine untergeordnete Rolle ſpielte, deckt ſich nun im weſentlichen die Charakterſchilderung der Klytämneſtra wie ſie uns Aeſchylus in dem erſten Teil ſeiner Oreſtie, dem Agamemnon gegeben hat. Die Oreſtie iſt das letzte und ohne Zweifel bedeutendſte Werk, mit dem der greiſe Dichter ſeine poetiſche und politiſche Laufbahn abſchloß, das gehaltvollſte und gedankenreichſte, was uns aus dem helleniſchen Altertum erhalten iſt. Die trilogiſche Verbindung(Agamemnon, Choephoren, Eumeniden) war ganz beſonders geeignet, das Wirken des Rachegeiſtes in der Reihe der Familienmorde, die ſeit der Frevelthat des Atreus, der grauen⸗ vollen Schlachtung der Kinder des Thyeſt das Haus des Tantalus heimgeſucht hatten, nachzuweiſen(vgl. Choeph. 1068:„zum erſtenmal begann kindfreſſendes Gräuel die entſetzliche Schuld“). Die furchtbaren Thaten, von denen wir in der Einleitung ſprachen, ziehen jetzt wie Geſpenſter vor unſrem Auge vorüber und lehren die Wahrheit der Worte erkennen:
¹) Welcker, die äſchyl. Trilogie S. 449 urteilt ähnlich, wenn er ſagt: Es gingen vielleicht ſchon der Oreſtie des Steſichorus epiſche Poeſieen unter dieſem Namen voraus.
²) Overbeck, Gallerie heroiſcher Bildwerke 1,677 meint, daß wir erſt in der Tragödie die Quellen der Bildwerke zur Oreſtie zu ſuchen hätten; hierfür ſpreche der Umſtand, daß wir in dem reichen Bilderkreis der Oreſtie nicht ein. einziges Vaſenbild mit ſchwarzen Figuren beſäßen.


