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Ein ganz neues Motiv war ferner die Verfolgung des Muttermörders Oreſtes durch die Erinyen, da nach dem Scholion zu Eurip. Or. 268 ſein Schutzgott Apollo ihm als Wehr gegen dieſelben Bogen und Pfeile verliehen hatte. Darin tritt eine vom Epos völlig verſchiedene Darſtellung hervor. Den Muttermord wie Oreſts Verfolgung durch die Erinyen kannte, wie wir ſahen, Homer noch nicht; nur Aegiſth fiel hier von der rächenden Hand des Sohnes. Da aber das epiſche Zeitalter keine religiöſe Sühne wegen Totſchlags kannte, ſo fiel auch der Mörder keiner Verfolgung der Erinyen anheim.
Nun aber, nach Steſichorus Darſtellung, wurde Oreſt zum Muttermörder, und da die ſittlich⸗religiöſen Begriffe ſich im Vergleich zu denen der epiſchen Zeit weſentlich verändert hatten, ſo verlangte der Dichter für die furchtbare That, die er im Auftrag Apollos ſeinen Helden ausführen läßt, eine Sühne: er läßt die Erinyen den fluchbeladenen Oreſt, der ſchon einen ächt tragiſchen Conflict in ſich ausgekämpft hat— facto pius et sceleratus eodem— verfolgent) und ihn nicht eher zur Ruhe kommen bis ihm eine Gottheit ſich ſchützend zur Seite ſtellt.
So iſt die ganze Oreſtestrilogie des Aeſchylus durch dieſe Neuerung des Steſichorus im Keime vorgeöildet.
Welche Aenderungen nun im einzelnen Steſichorus in dem Klytämneſtramythus vorgenommen, iſt auf Grund der ſpärlichen Ueberreſte ſchwer nachzuweiſen, wenn wir wohl auch annehmen dürfen, daß im Vergleich zur Darſtellung der Epiker Klytämneſtra ſchon mehr in den Vordergrund getreten ſein mag. Neuerdings hat Robert eine kleine Gruppe attiſcher Vaſen des 5. Jahrh., die die Ermordung Aegiſths darſtellen und die, wie er meint, unter der Einwirkung der ſteſichoreiſchen Oreſtie entſtanden ſind, zum Ausgangspunkt ſeiner Recon⸗ ſtruction dieſes Gedichtes gemacht und iſt dabei zu folgenden Reſultaten gekomnen, die er in Form einer Hypotheſis zuſammenfaßt.
Klytämneſtra hat ihren Gatten mit einem Beil erſchlagen; den kleinen Oceſt hat ſeine Amme Laoda⸗ meia den treuen Händen eines Alten übergeben, der ihn durch die Flucht vor den Nachſtellungen ſeiner Mutter ſchützt. Zehn Jahre ſind vergangen, da träumt ſie, daß ein Drache mit blutigem Haupt ſich ihr nahe, aber auf einmal iſt es kein Drache mehr, ſondern ihr gemordeter Gatte, der ſich aufs neue ihr vermählt; ſie gebiert einen Drachen, aber als ſie ihm die Bruſt reicht, trinkt er Blut mit der Milch.(Stesich. frgm. 42).²)
Erſchreckt erwacht Klytämneſtra und ſendet, da ſie ſelbſt nicht zu gehen wagt, Elektra mit einer Toten⸗ ſpende zum Grabe des Agamemnon, die alte Amme des Oreſt Laodameia begleitet ihn. Als Elektra traurig am Grabe ihres Vaters ſteht, naht ein Jüngling, Oreſt, und ein alter Mann, Talthybios, Agamemnons Herold. Dieſer und Laodameia erkennen ſich und führen das Wiedererkennen herbei; Oreſt zieht ſein Schwert und weiht es am Grabe des Vaters zum Rachewerk ein, dringt dann in das Gemach, während der Alte draußen Wache hält und ermordet den Aegiſth, der auf dem Throne des Agamemnon ſitzt. Klytämneſtra eilt dem Aegiſth zu Hilfe mit demſelben Beile, mit dem ſie einſt Agamemnon erſchlagen hat; ein Zuruf der Elektra warnt den Oreſt, aber ſchon hat der Alte Klytämneſtra ergriffen und hält ihre Arme feſt. Der Muttermord muß hierauf unmittelbar gefolgt ſein.
¹)„Dieſe Neuerung des Steſich. iſt der Aufgang einer neuen Zeit, die das Gewiſſen zu ſeinem Recht kommen läßt.“ Bender, griech. Lit. S. 386. ²) Der Traum findet ſich bei Plutarch, de sera num. vindicta= Bergk poet. lyr. frgm. 42. Ta? da,xoy 25061s Oket dpa SSOG,HS»O änpov. 2'apa rod Haolνεds IIXelοdvidac 2„dyn 5 Und ihr träumt', eine Schlange erſchien mit blutigem Schädel; doch plötzlich Ging aus dieſer hervor Pleiſthenes fürſtlicher Sohn.(Hartung). Das blutige Haupt deutet auf die Kopfwunde, die ihm Klyt. mit einem Beil verſetzt hat; der Drache iſt Agamemnon wohl ſelbſt; des Pleiſthenes Sohn heißt er, weil ſeine Mutter Aerope zuerſt mit Pleiſthenes vermählt geweſen ſein ſoll, ſpäter nach deſſen Tod mit Atreus.


