Aufsatz 
Klytämnestra in der griechischen Dichtung / von Rudolf Glaser
Entstehung
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So viel wir wiſſen, erzählten noch dieRückfahrten véoron, des Agias von Trözene, welche in ihrem 2. Teil die Rückkehr der Atriden behandelten(vgl. Nitzſch, Geſchichte des griech. Epos S. 283), von dem Tode des Agamemnon und der Rache des Oreſtes; in welcher Weiſe die Sage umgeändert und weiter ausgeführt worden iſt, wiſſen wir nicht mehr. Von der Opferung der Iphigenie, die unter der Vorſpiegelung des Achillens Gattin zu werden, nach Aulis gelockt worden war, erzählte das Epos Körpia. Die AXxpxαvi deutet ſchon eine Veränderung im Volksbewußtſein und Glauben an, wenn ſie die Blicke auf den Ahnherrn des Atridengeſchlechts lenkte, wenn ſie den Pelops gegen Hermes Sohn Myrtilos ſich verſündigen, dann zur Strafe durch ein von Hermes geſchicktes goldenes Lamm(vgl. Wecklein a. a. St. S. 5) Bruderzwiſt unter die Kinder kommen läßt, der zur Vertreibung des Thyeſt und zu dem grauſigen Kindermahle führte.(Vgl. Eurip. Or. 812 ff. 1007 ff.) So iſt ſchon in dieſen nachhomeriſchen Epen die allerdings erſt durch Aeſchylus⸗ vollſtändig ausgebildete Vorſtellung von einer in einem Geſchlecht fortwirkenden Schuld des Ahnherrn zum Ausdruck gekommen, von der wir bei Homer noch nichts fanden. War damit die Kette der Frevel in dem Pelopidenhaus nach rückwärts ſchon ausgebildet, ſo erweiterte und vervollſtändigte die lyriſche Poeſie und die Tragödie die Reihe der Gräuelthaten, bis in jener Kette fortwirkenden Fluchs vom Enkel bis zum Urahn hinauf kein Glied mehr fehlte.

Eine weſentliche Weiterbildung ſcheint die Klytämneſtraſage durch den Lyriker Steſichorus v. Himera um 600 v. Chr. erfahren zu haben.)

Einen ungeheueren Einfluß muß dieſer Dichter auf die Entwicklung der Sage überhaupt ausgeübt haben, waren doch nicht allein Aeſchylus und Euripides, ſondern ſogar noch Theokrit und Alexander Attolos in der Darſtellung der Mythn von ihm abhängig. /2)

Wenn Steſichorus es wagen durfte, in höchſt willkürlicher Weiſe an der durch das Epos faſt ge⸗ heiligten volkstümlichen Auffaſſung der Helenaſage Hand anzulegen und ſie nach eignem Gutdünken umzu⸗ formen, dann darf es uns nicht Wunder nehmen, wenn auch andre Sagen, wie die von Klytämneſtra und ihrem Treubruch an Agamemnon, von ihm angetaſtet, verändert und in andrem Gewande mit kühnerem Flug der Phantaſie ausgeſchmückt den Zeitgenoſſen vorgeführt wurden.

Steſichorus wird uns als der Verfaſſer einer Oreſtie in 2 Büchern genannt, die den Mord des Agamemnon und die Rache durch Oreſtes behandelten.

Wir haben nun leider nur geringe Bruchſtücke von ihm, ſo daß wir auf Combination und Recon⸗ ſtruction ſeiner Gedichte aus den erhaltenen Fragmenten angewieſen ſind.

Nach der Angabe bei Philodemus mso!l sdeεᷣεia« p. 24(vgl. Wecklein, Oreſtie, Einleitung S. 6; Nitzſch, Sagenpoeſie S. 463 465; 520 522 Schneidewin⸗Nauck in der Einleitung ihrer Ausgab⸗ von Sophocl. Elekt. S. 4) wurde darin die Opferung der Iphigenie, die Homer noch nicht kannte. erwähnt, und wir dürfen wohl einen Zuſammenhang zwiſchen dieſer That und dem Gattenmord Kiytämneſtras annehmen, ſo daß alſo Steſichorus wohl der erſte war, der als Motiv der blutigen That die Racſcht der tiefgekränkten Mutter in den Vordergrund ſtellte.

¹) Zwar wird uns noch ein Dichter Xanthus erwähnt, von dem außer Aelian v. h. IV, 26 noch der Peripatetiker Megakleides(vgl. Athen. XII, 513) erzählte, den Steſichorus vielfach ausgeſchrieben haben ſoll. Robert a. a. St. S. 173 hat meines Erachtens den Beweis erbracht, daß ein ſolches Gedicht des Tanthus entweder nie exiſtiert hat oder früh verloren gegangen und für die Oreſtie des Steſichorus ganz außer Betracht zu laſſen iſt. Für das folgende vgl. beſ. Robert, Lild und Lied.

²) In welcher Weiſe Steſichorus die Heroenſage fortbildete, geht aus ſeiner Behandlung des Helenamythus hervor, wonach, wie er dies in ſeiner Palinodie EXéyn ausführte, nur ein Scheinbild von Paris geraubt worden ſei, um das Troer und Achäer 10 Jahre lang gekämpft hätten, während die wirkliche Helena durch Hermes auf Geheiß. des Zeus nach Aegypten entſührt worden wäre, wo ſie Menelaos wiederfand.