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Ohne mir ſchließend die Hand auf Mund und Augen zu drücken. Grauſamer iſt in der Welt und hündiſcher nichts als ein Weibsbild, Wenn es in ſeinem Gemüt ſich trägt mit Werken des Frevels Aehnlicher Art wie jene verübt, da ſie ſchmachvoll ruchlos
Mord ihrem Jugendgemahl bereitete.
Noch einmal, im Anfang des 24. Geſanges, werden wir in die Unterwelt geführt, zu der die Seelen der getöteten Freier gelangen, Fledermäuſen gleich ſchwirrend. Da kommt wieder die tiefbetrübte Seele des Agamemnon und klagt dem Peliden, daß ihm Zeus ein ſchreckliches Ende nach ſeiner Heimkehr bereitet habe durch des Aegiſthus Hand und die ſeiner verruchten Gemahlin. So ſtellt die Nekyie des 11. Buchs und die zweite des letzten thatſächlich ſchon eine ſpätere Stufe in dem Klytämneſtramythus dar. Sie ſteht kalten Bluts an der Seite des von ihrer Hand gemordeten Gemahls, dem die Herzloſe es verweigert noch einmal den An⸗ blick ſeines geliebten Sohnes zu gewähren; ſie iſt nicht nur die Mörderin ihres Gemahls, auch gegen Kaſſandra erhebt ſie den Stahl, den ihr die Eiferſucht auf die verhaßte Nebenbuhlerin in die Hand gedrückt haben mag..
So tritt hier im Munde des ſchändlich getöteten Königs das Verbrechen der Klytämneſtra in grelle Beleuchtung, die in einem weſentlichen Gegenſatz ſteht zu der Darſtellung in der Telemachie.
Wir werden nicht fehlgehen, wenn wir annehmen, daß dieſe Verſchiedenheit in der Zeichnung der Klytämneſtra auf den ſpäteren Urſprung der Nekyie zurückzuführen iſt, daß mit anderen Worten als die Einlage der Nekyie in das Kirkeabenteuer(10. und 12. Geſ.) ſtattfand, die Sage von der Gattenmörderin bereits eine völlige Umbildung erfahren hatte. Und was nun die Andeutungen in der 2. Nekyie anlangt, ſo iſt bekanntlich der ganze Abſchnitt von 1— 204 ſchon von Ariſtarch athetiert worden und erweiſt ſich auch dem unbefangenen Auge ſofort als eine ſpätere Einlage.¹41) Deshalb dürfen wir wohl auch für den kleinen Teil von w, der ein der alten Klytämneſtraſage entgegenſtehendes Gepräge trägt, ein jüngeres Alter füglich in Anſpruch nehmen.
So ſcheint mir die Zeichnung der homeriſchen Klytämneſtra, wenn wir die Telemachie gegen die Nekyie halten, 2 verſchiedene Epochen der epiſchen Sagenverſion darzuſtellen: dort iſt ſie urſprünglich ein ehrbar denkendes, den Lockungen des Aegiſth von vornherein abholdes, aber doch immerhin ſchwaches und ſinnliches Weib, das wohl die dem Gatten gelobte Treue bricht ohne jedoch zugleich zur Mörderin zu werden am eigenen Gemahl und deſſen Sclavin; in dieſer viel düſtereren Färbung erſcheint uns ihr Bild erſt im 11. und 24. Geſang.
Klytämneſtra in der nachhomeriſchen Zeit.
Aus den Bruchſtücken, die wir aus den Werken der Kykliker beſitzen und die zumeiſt auf den Excerpten aus der Chreſtomathie des Proklus, alſo byzantiniſchen Auszügen aus einem Buch des 5. Jahrh. beruhen, können wir für unſer Thema nichts Brauchbares gewinnen, müſſen überhaupt bei Benutzung der geringen Fragmente äußerſt vorſichtig zu Werke gehen. ²)
¹) Die Odyſſe allein wäre, meint Hennings, Jahns Jahrb. 1861, 91 durch die o/oydat vollkommen abgeſchloſſen, die Odyſſee und Ilias zuſammen aber noch nicht. Die Einordnung der 2. Nekyie beruht alſo auf dem zuſammen⸗ hängenden Vortrag der homer. Lieder, zuerſt der Ilias und dann der Odyſſee, wie er nach Solon an den Panathenäen in Athen ſtattgefunden hat. 4
2²) Vgl. hierüber Wilamowitz, der epiſche Cyclus in ſeinen homer. Forſchungen S. 330.„Nicht nur Proklus, der Ausſchreiber, deſſen Namen wir zufällig kennen, hat von den Gedichten, deren Auszüge er gibt, nichts geſehen, ſondern ebenſo gut auch der unbekannte Compilator, den er auszog und wer weiß, wie oft ſich dieſer Prozeß vollzogen hatte ſeitdem einmal ein unbekannter Mann die Gedichte ſelbſt auszog.“


