Aufsatz 
Klytämnestra in der griechischen Dichtung / von Rudolf Glaser
Entstehung
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Flugs nun ſetzte ins Werk Aegiſth ſeinen tückiſchen Anſchlag,

Zwanzig erleſene Männer im Hinterhalte verbergend

Ließ er an andrem Orte ein Gaſtmahl richten; dann zog er

Selber dem Hirten der Völker, ihn einzuladen, entgegen.

Alſo geleitet er heim den argloſen Mann und erſchlug ihn

Während des Mahls als ſchlachtete man den Stier an der Krippe. Darnach kennt auch dieſe Erzählung im 4. Geſang die Beteiligung der Klytämneſtra an der Er⸗ mordung Agamemnons nicht. Wenn ſie wohl auch als Mitwiſſerin des Mords angeſehen werden darf Robert erinnert ganz paſſend an die Rolle, die Gertrud im Hamlet ſpielt, davon daß ſie ſelbſt mit Hand angelegt hat an dem blutigen Werke, iſt nirgends in der Telemachie die Rede. Man darf auch nicht aus, 310 wo es heißt, daß Oreſt gleichzeitig mit Aegiſth ſeiner Mutter einen Leichenſchmaus bereitet habe, an eine Ermordung derſelben durch den Sohn als Sühne für vergoſſenes Gattenblut denken; auch Od. a, 299 heißt es nur, Oreſt habe den Aegiſth getötet, von der Mutter iſt nicht die Rede.

Wenn 1, 309, 310 nicht eine ganz ſpäte Interpolation ſind nach den Scholien finden ſie ſich in einigen Ausgaben gar nicht, ſind vielmehr, wie Hennings über die Telemachie S. 177 bemerkt, Zuſatz von einem Rhapſoden, der es nicht verſchweigen zu dürfen glaubte, daß auch Klytämneſtra von Oreſt getötet worden ſei, ſo laſſen ſie, wie einige Gelehrte annehmen, nur die Auffaſſung zu, daß Klytämneſtra aus Scham und Verzweiflung ſich ſelbſt nach Aegiſths Ermordung getötet habe. ¹)

Aus den bis jetzt angeführten Stellen der Odyſſee geht hervor, daß Klytämneſtra in der Telemachie in keiner Weiſe direkt an Agamemnon's Ermordung beteiligt iſt. Ihr einziges Verbrechen iſt der Treubruch gegen den Gatten und auch den ſucht der Dichter einigermaßen zu entſchuldigen durch die Bemerkung, ſie ſei anfangs ehrbaren Sinns geweſen und habe erſt jenen Fehltritt begangen 3 s d zuty Opa de6» 2οs Sa,³.²)

Ganz anders gezeichnet erſcheint ſie uns im 11. Geſang, in der Nekyia. In der Unterwelt trifft Odyſſeus den Schatten des Agamemnon mit deſſen Gefährten und erfährt von ihm auf die Frage, wie er umgekommen ſei:

Weder bewältigte mich im Schiffe der Herrſcher Poſeidon,

Wildes Getümmel erregend von unwiderſtehlichen Stürmen,

Noch auch töteten mich zu Lande feindliche Männer

Sondern Aegiſth bereitete mir mit meiner verwünſchten Gattin Verderben und Tod.(406 ff.)

Während des Mahls iſt er dann mit ſeinen Gefährten erſchlagen worden; mitten in dieſer Mordſcene vernahm er den durchdringenden Schmerzensruf der Kaſſandra, der jungfräulichen Tochter des Priamus, die neben ihm von der Hand der tückiſchen Klytämneſtra ihren Tod fand.

421 ff. Schrecklich erklang mir der Schrei der Priamustochter Kaſſandra Als Klytämneſtra, die arge, die mich noch umfaſſende tot ſchlug. Liegend⸗ am Boden erhob ich die Hände und wälzte mich ſterbend Um das durchbohrende Schwert; mein Weib indeß, das verwünſchte Eilte hinweg und ließ mich hinunterfahren zum Hades,

¹) Vgl. hierüber Robert, Bild und Lied S. 163 und Baumeiſter, Denkmäler des claſſ. Altertums s. v. Oreſtie. Anders freilich urteilt B. Nieſe, die Entwicklung der homer. Poeſie S. 36, der eine Beteiligung der Klyt. an der Ermordung des Ag. auch nach der Darſtellung von 7 und d annimmt. Mit Recht bemerkt Cruſius a. a. O.,

daß Homer über den Muttermord, wenn er ihn wirklich angenommen hätte, gewiß nicht ſo ſtillſchweigend hinweg⸗ gegangen wäre.

²) Ich beziehe wenigſtens das ur, mit Ameis auf Klyt., nicht etwa auf den à.ε06.