Aufsatz 
Klytämnestra in der griechischen Dichtung / von Rudolf Glaser
Entstehung
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mit der Frage nach der Entwicklung der Oreſtespoeſie überhaupt, herauszuloͤſen und getrennt von ihr dar⸗ zuſtellen; ich werde natürlich nicht umhin können, hie und da auch auf die Oreſtesſage ſelbſt und die Quellen für die Kenntnis derſelben einzugehen, aber nur in ſo weit als es mir im Zuſammenhang mit dem Gang der Darſtellung zu ſtehen ſcheint. ¹)

Klytämneſtra bei Homer.

Agamemnons Gattin in der Telemachie iſt durchaus noch nicht das, was die Tragiker aus ihr ge⸗ macht haben.

In der Odyſſee wird im erſten Geſang Agamemnons Mord durch Aegiſth erwähnt, der Klytämneſtra trotz der ausdrücklichen Warnung durch Hermes geheiratet habe. Nach a, v. 39 ſagte dieſer:

Hüte dich, ihn zu töten und freie nicht ſeine Gemahlin

Denn von Oreſtes kommt einſt Rache dem Sohne des Atreus, Wann er zum Manne gereift ſich ſehnt nach der heimiſchen Erde. So ſprach Hermes; allein Aegiſthus wollte nicht folgen

Beſtens gemeintem Rat; nun büßt er alles zuſammen.(Jordan).

So tritt gleich zum erſten Mal, wo der Dichter auf die häuslichen Verhältniſſe des Agamemnon hinweiſt, Aegiſth in den Vordergrund und dieſe führende Rolle behält er auch in und d.

Er iſt der Verführer, Klytämneſtra die Bethörte. Dies geht ganz deutlich aus, 264 ff., der Erzählung des Neſtor in Pylos, hervor. Darnach ſuchte Aegiſth, während die Helden Griechenlands vor Troja lagen, im hinterſten Winkel des roſſenährenden Argos, im goldnen Mykenä mit Schmeichelgeſchwätz Agomemnons Weib zu verführen. Ihr rechtſchaffener Sinn widerſtand lange dieſem frevelhaften Begehren, unterſtützt wurde ſie dabei durch einen Hausſänger, dem ſie Agamemnon zu Schutz und in Hut befohlen hatte, bevor er den Zug nach Troja antrat.

Doch als jene zum Sturz umſtrickte der Götter Verhängnis,

Schleppt er den Sänger hinweg nach einer verlaſſenen Inſel,

Gab ihn den Geiern daſelbſt zum Fraße preis und entführte

Lüſtern die Lüſterne dann(8064y 596X¼090a») nach ſeiner eignen Behauſung.(269 ff.)

Auch in der Schilderung der Mordſcene im 4. Geſang erſcheint Aegiſth als Führer der Handlung, neben dem Klytämneſtra eine weſentlich paſſive Rolle ſpielt. Er iſt es, der auf Mord des Heimkehrenden geſonnen und die Abmahnung der Götter für nichts erachtet hat. Man leſe, was Menelaus aus dem Munde des Meergotts Proteus über Agamemnons Rückkehr gehört hat.(8, 514 ff.)

Als er nahe ſchon war dem ſteilen Kap von Maleia Faßt ihn ein plötzlicher Sturm und warf den ſeufzenden Helden Wieder hinaus ins offene Meer, wo der Fiſch nur ſein Reich hat.

Der Häld ſtöhnt laut, doch endlich kommt der erſehnte Wind, der ihn in die Heimath führt und zwar in die Gegend, wo Aegiſth ſeine Wohnung hat: heiße Thränen weint er im ſeligen Gefühl, den heimatlichen Boden wieder betreten zu können. Da ſieht ihn von der Warte der Späher, der um den Lohn zweier Talente Goldes auf die Ankunft des Helden gelauert, und eilt nun dem Fürſten Aegiſth die Ankunft zu melden.

¹) Quellen, bezw. Literatur: Vor allem Cruſius in Erſch und Gruber s. v. Klytämneſtra und Wecklein in der Einleitung ſeiner Ausgabe der Aeſchyleiſchen Oreſtie. Robert, Bild und Lied. Berlin 1881. Hͤüttemann, die Poeſie der Oreſtesſage. Braunsberg 1870. Stier, Oreſts Entſühnung im antiken Drama und bei Göthe. Wernigerode 1881. Die Stellen aus Homer gebe ich nach der Ueberſetzung von Jordan, Aeſchylus citiere ich nach der Ueberſetzung von Oldenberg Sophocles nach Viehoff, Euripides nach Hartung.