Aufsatz 
Klytämnestra in der griechischen Dichtung / von Rudolf Glaser
Entstehung
Einzelbild herunterladen

4

Doch das Sündenerbe der Väter es treibt ihn in ihre Gewaltz wie laut er auch prahlt, mit feindlichem Grimm

zermalmet ihn ſtummes Verderben. Eum. 930 ff. Died.

Von dieſer Vorſtellung jedoch von einem in der Familie fortwirkenden Rachegeiſt, einem Dänon, der das Geſchlecht in unſelige Thaten verſtrickt und ſo der Vernichtung zuführt, findet ſich in den älieſten uns überlieferten Dichtungen, in den Epen des Homer, keine Spur. Weder in der Oedipusſage noch in der Er⸗ zählung von Agamemnon und Oreſtes, ſoweit wir ſie in ihrer urſprünglichen Geſtalt in der Odyſſee und Ilias erkennen können, iſt von einem Rachegeiſt die Rede, der im Hauſe der Labdakiden oder Atriden waltet und es als das fluchbeladene und gräuelvolle erſcheinen läßt, wie es uns in den Dramen der drei großen Tragiker entgegentritt. Wir finden viemehr, was ſpeziell die Nachkommen des Pelops anlangt, in den h meriſchen Gedichten die Schilderung von einem heiter und gemüthlich dahin lebenden, von keinem Rachegeiſt heimgeſuchten Köͤnigshaus, dem die Götter nur Gnade und Segen haben zu Teil werden laſſen, wo der Sohn unan⸗ gefochten die Erbſchaft des Vaters antritt, die er nach friedſamer Regierung wieder ſeinen Nachkommen übergibt. Nach II. 6, 103 107 hatte Pelops das ihm vom Göttervater verliehene, alſo nicht etwa uſur⸗ pierte Scepter auf ſeinen Sohn Atreus, dieſer auf ſeinen Bruder Thyeſtes vererbt, der es eben ſo friedſan wie er es wohl als Vormund für ſeines Bruders unmündigen Sohn Agamemnon empfangen hätte, nun, nachdem dieſer zu Jahren gekommen war, auf ihn und nicht auf ſeinen eignen Sohn Aegiſthus übergehen ließ. Natürlich, wenn das homeriſche Zeitalter noch nichts von den Gräuelthaten der Brüder Thyeſt und Atreus wußte, von ihren Verbrechen des Ehebruchs und Mords,(05 TrfyGxet hy T,ay Aréo zal G40roo Schol.) brauchte der reflectierende Geiſt des Dichters ſich auch nach keinem Erklärungsgrund dafür umzuſehen, konnte mithin auch die Anſicht von der Abſtammung von einem ſchuldbeladenen Ahnherrn unmöglich aufkommen.

Und doch waltet ſchon in den homeriſchen Gedichten in dem Hauſe des Agamemnon, des ruhmgekrönten Führers der Griechen vor Troja, ein finſteres Verhängnis, das grauenhafte Thaten des Ehebruchs und Gatten⸗ mords uns vor Augen ſtellt, die aber nicht als die Wirkung eines in der Familie ſein Werk fortſetzenden Fluchgeiſtes zu erklären ſind den kannte, wie wir ſahen, Homer noch nicht ſondern die der Ate ent⸗ ſprungen ſind, jener ſinnbethörenden, verderblich wirkenden Macht, die des Menſchen Geiſt berückt, ſo daß er weder Satzungen der Götter noch Rechte der Menſchen ſcheut.(Vgl. Nägelsbach, homeriſche Theologie S. 286).

In dieſem düſteren Drama im Hauſe des Agamemnon, dem als Folie die Verhältniſſe im Hauſe des Odyſſeus gegenüberſtehen, wo die ausdauernde Treue und Liebe der Penelope alle Leiden überwinden läßt, denen ſie durch das freche zudringliche Gebahren der Freier ausgeſetzt iſt, tritt vor allem die unmänn⸗ liche feige Geſtalt des Aegiſth in den Vordergrund, eines Paris unter den Griechen, der, während die Fürſten von Hellas gegen Troja ziehen, müßig daheimbleibt und die Abweſenheit des erlauchten Agamemnon dazu benutzt, deſſen Weib Klytämneſtra zu verführen, um dann mit ihrer Hülfe den heimkehrenden König zu töten.

Ihm gegenüber der jugendliche Held Oreſtes, der des Vaters Ehre gerächt und den Mörder mit eigener Hand erſchlagen, darum aber bei allen Menſchen großen Ruhm erworben hat, ein leuchtendes Vorbild für alle, die für die dem Vater widerfahrene Schmach Genugthuung und Sühne zu fordern Bedenken tragen. Zwiſchen beiden ſteht Klytämneſtra, die Gemahlin des Agamemnon, nach Il. 1, 142 Mutter der Iphianaſſa, Chryſothemis, Laodike(bei den Tragikern Elektra) und des Oreſtes.

Wenn ich es mir zur Aufgabe gemacht habe, im folgenden die Wandlungen darzulegen, die der Charakter der Klytämneſtra in der Zeichnung der Dichter von Homer bis zu den Tragikern erfahren hat, ſo bin ich mir der Schwierigkeit wohl bewußt, die darin liegt, einen Gegenſtand, der in enger Verbindung ſteht