Klytämneſtra in der griechiſchen Dichtung.
Nie ſah' die Welt noch ein ſo ganz unſel'ges Haus Als das der Tantalsſprößlinge und ſiehts nimmermehr. (Eurip. Elektra 1176).
Dieſe Worte läßt Euripides in der„Elektra“ ſeinen Chor mhkeniſcher Jungfrauen ſagen, die damit ihren Empfindungen Ausdruck verleihen über die ſchreckliche That des Geſchwiſterpaares, des Oreſtes und der Elektra, deren Hände noch feucht ſind von dem Blut der von ihnen erſchlagenen Mutter.
Und wahrlich! Von der furchtbaren That des Tantalus an, des Ahnherrn des erlauchten Atriden⸗ geſchlechts, als er ſeinen Sohn Pelops zerſtückelte und den Göttern als leckeres Mahl vorſetzte,(à Tavrdkoo SorAuara Eur. Iph. taur. 387), von dem Schmerzensſchrei des mit den Fluten ringenden Myrtilus, der auf das ganze Pelopidengeſchlecht ſeinen Fluch ſchleuderte über die Gräuelthaten des Atreus und Thyeſtes hinaus, ob deren Furchtbarkeit die Sonne ihr Antlitz wegwendete und Zeus die Lichtbahnen der Sterne umkehrte (Eur. Elect. 726) bis zu Iphigeniens Opferung durch den eigenen Vater und der tückiſchen hinterliſtigen Ermordung Agamemnons durch das ehebrecheriſche Weib Klytämneſtra, welch' eine ununterbrochene Kette von furchtbaren Freveln, deren Schlußglied die unnatürliche That des Oreſt bildet, der im Verein mit der Schweſter den Stahl zückt gegen die, deren Schoß ihn einſt trug! Wie berechtigt erſcheint uns da der vom Chor aus⸗ geſprochene Gedanke, daß dem gräuelvollen Hauſe der Pelopiden(uο⁶ανεμν dα Aeschyl. ο—λ⁴έ ꝓ%ν Sophocl.) ſich wohl kein andres vergleichen laſſe an Furchtzarkeit der Verbrechen, die zermalmend und vernichtend das ganze Geſchlecht verdorben haben.
Eine Reihe ſolcher von Geſchlecht zu Geſchlecht fortwirkender ſchwerer Frevelthaten galt nach antiker Auffaſſung als ein Geſchlechtsfluch. Die Schuld des Ahnherrn,(„νaos ärn Aesch. Agam. 1191), der Urfrevel, muß, wie dies der Fluch jeder böſen That iſt, fortzeugend immer neues Böſes gebären; die Sünden der Väter werden nach griechiſchem Volksglauben heimgeſucht nicht nur an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied ſondern ſo lange, bis das ganze Geſchlecht ſpurlos vernichtet und zu Grunde gerichtet iſt. So fällt auf die Söhne eines ſchuldbeladenen Geſchlechts der Racheſtrahl der rächenden Gottheiten, der Erinyen,
in deren Gewalt jedwedes Geſchick
der Menſchen geſtellt; zwar mancher, auf dem ſchwer laſtet ihr Groll, verkennet, woher
die Schläge ſein Leben betrafen.


