Aufsatz 
Eignet sich Heyses Kolberg zur dramatischen Anfangslektüre in Untersekunda?
Entstehung
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gehabt hat, wenn ihm jetzt ſeine frühere Ueberzeugung geradezu alsWahnſinn vorkommt, ſo fragen wir: Wo ſind die Szenen, die ſeinemKopfe die Nichtigkeit ſeiner napoleonfreundlichen, kosmopolitiſchen Ideen dargetan haben? Wo hat er ſich verſtandesmäßig davon überzeugt, daß die Franzoſenherrſchaft für ſein Volk ſo wenig taugt, wie die der Oeſterreicher für die Schweizer?

Solche Szenen laſſen ſich nicht mehr einfügen; und ſelbſt wenn es möglich wäre, würde Paul Heyſe wohl ſeine Gründe haben, es abzulehnen. Er hat ſeine Dichtung für die Bühne geſchaffen, zur Aufführung vor deutſch⸗patriotiſchen Zuſchauern. Ihnen braucht man den Unwert des Napoleonismus und Kosmopolitismus nicht erſt vorzudemonſtrieren. Sie werden ſo leicht keinen Anſtoß nehmen an der raſchen Umwandlung Heinrichs.

Anders geſtaltet es ſich für den, der ſorgſam prüfend die Dichtung lieſt, und das ſoll doch wohl in der Schule geſchehen.

Für ihn gilt Hebbels Wort(XI S. 258):Alle Wirkung geht von den Motiven aus. Und an Leſſing ſei erinnert, der(Hamb. Dram. 2) ſagt, daßalles, was zu dem Charakter der Perſonen gehört, aus den natürlichſten Urſachen entſpringen muß.Der Dichter kann die Kunſt be⸗ ſitzen, uns durch Schönheiten des Detail über Mißverhältniſſe dieſer Art zu täuſchen; aber er täuſcht uns nur einmal, und ſobald wir wieder kalt werden, nehmen wir den Beifall zurück.

Wir müſſen alſo das oben zitierte Urteil Freytags über Heinrich als berechtigt anerkennen. Dies gilt auch von dem, was er über die übrigen größeren Rollen des Stückes ſagt.

Keine von ihnen hat nach Freytags Anſicht eine andere alslyriſche Bewegung. Damit will er gewiß nicht behaupten, daß Perſonen wie Gneiſenau, Nettelbeck, Roſe die Energie des Handelns fehle, aber die unter der Einwirkung einer gewaltigen Leidenſchaft ſich vollziehende innere Entwickelung das Merkmal des dramatiſchen Charakters geht ihnen ab, und das fällt ſchwer ins Gewicht.

Mit Recht ſagt Hebbel inMein Wort über das Drama!(XI S. 4), die Charaktere dürften in keinem Falle als fertige erſcheinen. Es bedeute den Tod des Dramas, wenn die Charaktere unver⸗ ändert, unbeeinflußt durch die Handlung hindurchgingen, wenn ſiewohl äußerlich an Glück und Un⸗ glück, nicht aber innerlich an Kern und Weſenhaſtigkeit gewinnen oder verlieren, Kurz und bündig drückt das Otto Ludwig in ſeinen Shakeſpeare⸗Studien(A. Stern V S. 64) aus mit den Worten: Der dramatiſche Charakter geht aus der Handlung hervor,der epiſche geht durch die Handlung hindurch. Als epiſcher Charakter gilt ihm z. B. Goethes Götz Epiſch in dieſem Sinne ſind auch die Charaktere Gneiſenaus, Nettelbecks und Roſes. Für ſie bedeutet auch die Höheſzene keinen innerlichen Gewinn an Kern und Weſenhaftigkeit. Sie ſind von Anfang an entſchloſſen, für ihr Vaterland, wenn nötig, zu ſterben, und bleiben ſich allenthalben gleich. Daher iſt denn auch die Haupthandlung zwar reich an allerhand Wechſelfällen der Belagerung, aber abgeſehen von jener Szene, in der Zipfel überraſchend ſeinen Heldenmut offenbart und die anfänglich zaghaften Elemente der Kolberger Bürger⸗ ſchaft zum heroiſchen Entſchluß hingeriſſen werden ohne dramatiſchen Fortſchritt.

Ergebnis.

Unſere Unterſuchung ſollte nicht zu einem neuen Urteil über Heyſes Kolberg führen, vielmehr lediglich ein längſt ausgeſprochenes, das Freytagſche, der Anſicht Wendts und anderer gegenüber als richtig erweiſen und ſeine Bedeutung für die Beantwortung der im Titel dieſer Schrift geſtellten Frage hervorheben. Das Urteil Freytags beſchränkt ſich nicht etwa auf einzelne Stellen der Dichtung. Nicht etwa dieſe oder jene Perſon, dieſe oder jene Szene findet vor ſeinem dramaturgiſchen Richterſtuhle keine

Gnade, ſondern von dem Ganzen Charakteren und Handlung heißt es, daß esdie wichtigſten Erforderniſſe des Dramas vernachläſſige.