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Wenn das Schauſpiel ſich trotzdem immer noch auf unſeren Bühnen hält, ſo erklärt ſich das daraus, daß eine deutſch⸗nationale Großtat, dargeſtellt von einem warmherzigen, ſprachgewaltigen Dichter, ihre Wirkung auf das deutſche Publikum noch nicht verfehlt. Zumal bei nationalen Feſten, wenn die Herzen mehr als ſonſt fürs Vaterland ſchlagen, wird eine gute Aufführung— mag dem Stücke auch immerhin der eigentlich dramatiſche Nerv fehlen, mag ſein„Pathos unkünſtleriſch⸗national... und ein bißchen alltäglich“*) ſein— die deutſche Zuſchauerſchaft begeiſtern können, vor allem natürlich unſere Jugend. Auch als Schülerlektüre kann Kolberg, zumal wenn es in Verbindung mit dem geſchichtlichen Unterrichte geleſen wird, in erfreulichſter Weiſe den nationalen Sinn fördern.
Soll man es aber mit Rückſicht auf dieſe Wirkung ausführlich in der Klaſſe behandeln? Wir ſtehen hier auf dem Standpunkt, den Becker(Düren) Verh. Dir. Verſ. 51 S. 292 einnimmt:„Auch mir ſcheint, daß man wohltut, die Bildung einer echt vaterländiſchen Geſinnung, ſich lieber unkontrolliert und unwillkürlich vollziehen zu laſſen“— alſo auf dem Wege der Privatlektüre. In der Klaſſe ſollen nur ſolche Werke behandelt werden, die durch„Tiefe des Ideengehaltes und äſthetiſche Bedeutſamkeit“ hervorragen. Nun ſoll dem Heyſeſchen Schauſpiele gewiß nicht deshalb, weil es als undramatiſch gelten muß, auch jeder poetiſche Wert abgeſtritten werden. Mit Recht betont Gloel S. 30, daß ein Schau⸗ ſpiel, das der energiſchen dramatiſchen Handlung entbehrt, doch reich an poetiſchen Schönheiten ſein könne. Goethes Götz und manches andere treffliche Werk beweiſt uns das; und wir behandeln dieſe Dichtungen in der Schule, weil ihre ſonſtigen Vorzüge uns über die vorhandenen dramatiſchen Mängel hinwegſehen laſſen. Es fragt ſich aber doch, ob die Sache auch bei Kolberg ſo liegt. Es fragt ſich, ob wir gerade auf der Stufe, um die es ſich hier handelt, ein Drama zulaſſen dürfen, das dieſen Namen eigentlich nicht verdient.
Die dramatiſche Anfangslektüre hat nach der Beſtimmung des Lehrplans das Weſen dieſer Dichtungsart zu entwickeln; ſie hat mindeſtens die Aufgabe, den Schüler zum erſten Male die Wirkung des Dramatiſchen erfahren zu laſſen. Üüber die Art, wie dies zu bewerkſtelligen ſei, gehen die Anſichten ja auseinander. Manche wollen ſich auf das Leſen und kurze ſachliche Erläuterungen beſchränken; die Dichtung ſoll durch ſich ſelbſt wirken. Sie denken wie jener Profeſſor, von dem Treitſchke**) erzählt: „Das Aſthetiſche verſteht ſich ja von ſelbſt.“
3 Bei manchen mögen wohl auch die Ausführungen Oskar Jägers(Lehrkunſt und Lehrhandwerk S. 335), die ſich mit vollem Rechte gegen gewiſſe Uebertreibungen(„dramatiſche Geometrie“) wenden, Abneigung gegen jegliche Art äſthetiſcher Betrachtung hervorgerufen haben.
Die Mehrzahl wird aber wohl mit Laas(Deut. Unt. 2. Aufl. S. 307 ff.) und anderen***) die Notwendigkeit einer äſthetiſchen Erläuterung unſerer Schuldramen anerkennen und für Unter⸗Sekunda wenigſtens eine vorbereitende Betrachtung der wichtigſten dramatiſchen Grundbegriffe wünſchen. Alle ſollten wir aber doch darüber einig ſein, daß die Einführung ins Drama nur an einem echten, von der Kritik anerkannten Drama— und als ſolches möchten wir Heyſes Kolberg doch nicht betrach⸗ ten— erfolgen kann.
Nachdem dieſe Unterſuchung im weſentlichen abgeſchloſſen war, wurde dem Verfaſſer das Urteil, das P. Goldſcheider in ſeinem neuſten Werke †) über Kolberg fällt, bekannt. Es heißt da:
*) Daß Heyſe hierzu neige, ſagt der Däne Brandes, Mod. Geiſter S. 50.
*½) Preuß. Jahrb. 51 S. 166 f.
***) Vergl. z. B. Hiecke, der dt. Unterr. S. 109, S. 140 f. Lehmann dt. Unterr. 2. Auflage S. 20. †) Leſeſtücke u. Schriftwerke im deutſch. Unterr., München 1906, S. 129 f.


