Aufsatz 
Eignet sich Heyses Kolberg zur dramatischen Anfangslektüre in Untersekunda?
Entstehung
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lich in der gleichen Szene das wahre Weſen Zipfels enthüllt, hinweiſen können. Alle Anweſenden ge⸗ loben wie ein Mann, im Kampf für das Vaterland in den Tod zu gehen.

Ein mit ſolch elementarer Wucht hervorbrechender Enthuſiasmus muß einen Charakter wie Heinrich mit ſich fortreißen. Die ſeither unterdrückte Stimme ſeines Herzens muß ihm zurufen: es iſt eine Schmach für dich, zu fehlen in dieſer Schar deutſcher Männer. So ſpricht er, als Gneiſenau nun die Strafe über ihn verhängt,zu leben, der einzige Mann aus Kolberg, der den Fall der Feſtung überlebt, die Worte, mit denen er das verdammt, was ihm vor wenigen Augenblicken noch alsPflicht und Recht erſchien.

Der plötzliche, überwältigende Eindruck des eben Geſchauten hat dies bewirkt.

Alſo: das plötz liche Hervorbrechen eines anderen Sinnes, das Gereke tadelt, kann uns an dieſer Stelle bei dieſem Charakter nicht wundern. Die Sache liegt ſchließlich hier in gewiſſer Beziehung ähnlich wie bei den beiden oben behandelten Stellen I2 und 14. Wohl aber muß es uns wundern, daß nicht alsbald eine Reaktion erfolgt. Auch die eben erwähnten nationalen Regungen waren ja nur ſehr flüchtig. Die Ueberzeugung, für die Heinrichder Nächſten Lieb' und gute Meinung geopfert hatte (III 1), an der er feſthielt, trotzdem ſie alsSchuld und Schmach gebrandmarkt war(IV 7), für die er noch unmittelbar vorherungebeugten Hauptes in den Tod gehen wollte, iſt ihm zwar von der Stimme ſeines Herzens als verkehrt bezeichnet worden(und momentan hat er nur auf dieſe Stimme gehört); aber Beweiſe für die Verkehrtheit jener Ueberzeugung hat er noch nicht. Muß ſich unter dieſen Umſtänden der Kopf nicht wieder dem Herzen gegenüber geltend machen? Und wenn ſich ihm dann bei ruhiger Ueberlegung der Glaube, daß nur das Weltbürgertum Napoleons Segen bringen könne, wieder aufdrängt, müſſen ihm dann nicht jene nationalen Regungen als Schwächen erſcheinen, die über⸗ wunden werden müſſen, koſte es, was es wolle? Mag er jetzt immerhin erkannt haben, daß das Vor⸗ gehen der Kolberger ehrlicher, ſelbſtloſer Ueberzeugung entſpringt, mag er ihren Heroismus bewundern, er wird ihr Beginnen für eine große Torheit halten müſſen.

Der Kosmopolitismus, der im III. Akte äußerlich überwunden wurde, und den wir nun auch gern innerlich überwunden ſähen, iſt nicht widerlegt.

Man hat die Art, wie die Sinnesänderung des Rudenz dargeſtellt iſt, getadelt. Der Junker zeigt nicht die Eigenſchaften,die das Relief rechtfertigen, in das der Dichter die Perſon zuletzt inner⸗ halb der Handlung treten läßt, ſagt Grünwald*). Seiner Meinung nach hätte Schiller, um in unſeren Augen des Rudenz Parteinahme für die Schweizer als ehrlich gemeint und dauernd erſcheinen zu laſſen, dieſen den entſcheidenden Schritt nicht Berthas wegen tun laſſen dürfen. Die Empörung über das Treiben der Vögte und ſomit die Erkenntnis, daß ſeine Anſicht über die Herrſchaft Oeſterreichs irrig ſei, hätte vielmehr den Junker etwa in der Apfelſchußſzene dazu treiben müſſen, ſich von den Unterdrückern ſeines Volkes loszuſagen. Erſt ſpäter würde ihm dann, als ſchöner Lohn, die Auf⸗ klärung über Berthas wahre Geſinnung zuteil geworden ſein.

Ungleich viel ſchwerer ſind die Bedenken, die ſich gegen den Geſinnungswechſel Heinrichs geltend machen laſſen. Bei Schillers Rudenz iſt der Uebergang zu der anderen Partei wenigſtens durch die Einführung Berthas genügend wahrſcheinlich gemacht; nur laſſen die Motive ſeinen Charakter nicht in dem mit Rückſicht auf ſein ſpäteres Handeln nötigen günſtigen Lichte erſcheinen. Lediglich mit Rückſicht darauf wurde die oben dargeſtellte Aenderung vorgeſchlagen.

In der Heinrich⸗Handlung erſcheint dagegen eine ähnliche Aenderung nötig, weil uns ſonſt Heinrichs Verhalten im V. Akte unwahrſcheinlich vorkommt. Wenn er hier als begeiſterter Mitkämpfer der Kolberger auftritt, wenn ihn keinerlei Bedenken anfechten, trotzdem er Zeit genug zum Nachdenken

*) Zt. f. d. dt. Unt. XV(1901) S. 228.