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Man hat die Kataſtrophe getadelt.*) Die Kolberger, ſo ſagt man, erreichen ihr Ziel, die Rettung der Stadt, ſchließlich nicht durch ihre eigene Tatkraft, ſondern im weſentlichen durch den Zu⸗ fall, indem nämlich noch rechtzeitig der Waffenſtillſtand zwiſchen König und Kaiſer abgeſchloſſen wird. Und Pappritz ſpricht geradezu von einem deus ex machina.
Iſt aber die Rettung der Feſtung wirklich Ende IV und in V noch in das Ziel der Kolberger? „Wir wiſſen, Rettung iſt nicht mehr zu hoffen“ ſagt Steinmetz(IV 9) ausdrücklich, und alle anderen denken ſo wie er. Heinrich wird dazu verurteilt,„der einzige Mann aus Kolberg“ zu ſein,„der den Fall der Feſtung überlebt“(IV 9). Um die Behauptung der Feſtung handelt es ſich alſo jetzt nicht mehr; ſo wenig, wie es ſich für die Helden des Leonidas, von denen Zipfel ſpricht, am letzten Schlachttage darum handelte, die Thermopylen zu behaupten. Sie wollten ſterben, weil ſie ihren Todeskampf für nutz⸗ bringend für das Vaterland hielten. In ähnlicher Weiſe iſt es nun das Ziel der Kolberger, durch eine erhabene Opfertat einen neuen Geiſt im preußiſchen Volke wachzurufen. Ihrem König eine Feſtung zu erhalten, ſcheint ihnen nicht mehr möglich, dafür wollen ſie Größeres vollbringen:
Auf dem Ehrenſchilde der Armee Sind leider böſe Flecken auszutilgen.
Es gilt, wie Gneiſenau ſagt,„Bahn zu brechen in der Dämmerung“.
Dieſes Ziel erreichen ſie auch wirklich, und zwar durch eigene Kraft. Wie im Prinzen von Homburg nach Hebbels Wort der Dichter„durch die bloßen Schauer des Todes, durch ſeine herein⸗ dunkelnden Schatten“ die Verklärung des Helden erreicht, ſo iſt es auch in unſerem Schauſpiele. Die Kolberger, die ohne Hoffnung auf Rettung angeſichts des unmittelbar bevorſtehenden Todes ihrem Ge⸗ lübde treu bleiben, erſcheinen nicht weniger erhaben, als wenn ſie den Tod wirklich erlitten hätten. Das „Saatkorn der Freiheit“, von dem Gneiſenau am Schluſſe des Stückes ſpricht, iſt wirklich geſät worden Daran ändert die überraſchende, auf einem Zufall beruhende Rettung am Schluß gar nichts. So hat der Zufall allerdings eine Bedeutung für die Erhaltung der Feſtung, aber nicht für das, was weſent⸗ lich iſt in der fallenden Handlung.
In dieſer Hinſicht läßt ſich alſo gegen unſer Stück nichts einwenden. Dagegen vermiſſen wir in dem, was wir mit Gereke Haupthandlung genannt haben, ein Steigen zum Höhepunkt. Allerlei Schickſale, allerlei Stimmungen der Belagerten lernen wir kennen, aber nicht das allmähliche Werden des in der Gipfelſzene dargeſtellten heroiſchen Entſchluſſes. Mit anderen Worten: wir vermiſſen das, was man dramatiſch nennt.**)
Neben der Haupthandlung läuft— namentlich in III und IV ſtark hervortretend— die Neben⸗ handlung Heinrichs her. Daß ſie an zwei Stellen(III9 und Ende V) für die Haupthandlung Be⸗ deutung gewinnt, wurde ſchon erwähnt. Ihre Einfügung in das Schauſpiel erſchien dem Dichter aber wohl deshalb hauptſächlich nötig, weil ein Bild des preußiſchen Volks jener Zeit lückenhaft geweſen wäre ohne einen weltbürgerlich geſinnten Bewunderer Napoleons. Auch verlangten nationale Geſtalten wie Nettelbeck und Gneiſenau eine Kontraſtfigur. Dadurch daß Heinrich immer wieder auf die Größe der von den Franzoſen drohenden Gefahr hinweiſt, erſcheint der Heldenmut jener erſt im rechten Lichte. Zu⸗ gleich mußte ſeine Bekehrung zur nationalen Sache die Wirkung des Ganzen bedeutend ſteigern. Dieſe Bekehrung bildet denn auch den Angelpunkt der Nebenhandlung. Die Gliederung derſelben iſt deshalb
*) Gloel S. 31, Pappritz in Zt. f. dt. Unt. XVI(1902) S. 635.
**¼) In ſeiner oben erwähnten Kritik des Zriny(Wernerſche Ausgabe IX S. 49) ſpricht Hebbel dem Dichter dieſes Werkes jedes dramatiſche Talent ab. Körner, ſo ſagt er,„zeigt uns nur die Flamme; woher ſie kommt, läßt er unentſchieden“. Bei Shakeſpeare dagegen ſehen wir„jede Leidenſchaft, die er malt, als Wurzel und Baum zu⸗ gleich“. Denn es iſt Sache des dramatiſchen Dichters„die Geſchichte zu ergänzen, zu zeigen, wie der Charakter,
den er ſich zum Vorwurf gemacht, geworden iſt, was er iſt“. 2*½


