Opfermut, bald Verzagtheit in der Bürgerſchaft*). Bis zu der Stelle, die Gereke als Höhepunkt betrachtet, fehlt der Haupthandlung durchaus das ſpezifiſch Dramatiſche, die Entwicklung, der Fortſchritt. Aufgabe des Epos iſt es vielmehr, die Wechſelfälle einer Belagerung darzuſtellen.„Sehr epiſch“ nennt ja auch, wie wir oben ſahen, P Heyſe ſelbſt den Gang ſeines Schauſpiels. Es kommt dem Dichter offenbar in den 3 erſten Akten— von der Nebenhandlung in III zunächſt abgeſehen— nur darauf an, eine Expoſition der Charaktere zu geben. Zu dieſem Zwecke reiht er Situationen aus der Belagerung an⸗ einander: die Streitſzene zwiſchen Heinrich und Brünnow, die ohne Einwirkung auf den weiteren Ver⸗ lauf der Dinge bleibt; Nettelbecks Erzählung; die fünf Streitſzenen mit dem Gefreiten, deren ganzes Ergebnis iſt, daß Nettelbeck ſein Anliegen nicht brieflich, ſondern durch Roſe vor den König bringt; ferner die für einen Fortſchritt der Handlung bedeutungsloſe Unterhaltung im Ratskeller; Roſes Bericht; Würges' Erzählung und die Verſpottung Zipfels.
Mit der viel geſchmähten Handlung des Egmont ſteht es lange nicht ſo ſchlimm wie mit der Haupthandlung der 3 erſten Akte unſeres Schauſpiels, die eigentlich nur als Expoſition zu betrachten iſt.
Der IV. Akt führt in 5 kurzen Szenen der Haupthandlung zur Höhe. Der Antrieb zu dieſer Wendung geht vom Gegenſpiele aus, das, wie wir aus den erſten 3 Szenen erſehen, zu einem ent⸗ ſcheidenden Erfolge gelangt iſt(vgl. die Inhaltsang. zu IV). Angeſichts dieſer Lage muß zunächſt Gneiſenau ſeinen Entſchluß faſſen. Er ſpricht ihn ohne Zweifel, ohne Schwanken aus; er hat ſich ja bereits längſt entſchieden. Nicht anders iſt es bald darauf mit den verſammelten Vertretern der Garniſon. Was man gelegentlich von den Helden des Sophokles geſagt hat, ihr Heldentum geſtatte es ihnen nicht, ſich durch Bedenken hindurch zu einem Entſchluſſe durchzukämpfen, das gilt auch von dieſen preußiſchen Soldaten.—
Auf ſeiten der Bürger zeigt ſich allerdings anfangs Neigung, von der dargebotenen Gelegenheit zur Flucht Gebrauch zu machen(man vergleiche namentlich Schröders Worte), auch Geertz' Schweigen auf Gneiſenaus Frage ſcheint ſo zu deuten. Aber Zipfels Rede iſt von ſo durchſchlagender Wirkung, daß unter ihrem Eindrucke ſofort alle einſtimmen in den Ruf des Zimmermeiſters Geertz:
Auf unſerm Bürgereide woll'n wir ſtehn Und fallen, wenn es ſein muß!
Aus den hoffnungsfreudigen Verteidigern der Feſtung ſind Männer geworden, die dem ſicheren Opfertode fürs Vaterland entgegengehen.
Nachdem uns ſo in einer Szene die Entſtehung des entſcheidenden Entſchluſſes bei den Bürgern vor Augen geführt worden iſt, ſoll uns die fallende Handlung zeigen, wie ernſt es den Kolbergern mit der Ausführung dieſes Entſchluſſes iſt.„Es iſt jetzt keine Zeit mehr, durch kleine Kunſtmittel,... hübſche Einzelheiten... zu wirken“, ſagt G. Freytag(Technik, 7. Aufl. S. 117) von der fallenden Handlung im allgemeinen. Nur„große Züge, große Wirkungen“ will er hier gelten laſſen. Damit iſt das Urteil über die erſten Szenen des V. Aktes geſprochen. Das hier geſchilderte Schickſal der alten Frau Blank, die ſich von ihrer Wohnung nicht trennen kann, iſt ja rührend:
Lieber Heiland! Ich ohne meine Schränke, meine Stühle, In fremden Betten ſchlafen, meine Suppe Von fremdem Teller eſſen— nein... Indeſſen: in den nächſten Augenblicken ſoll es ſich entſcheiden, ob eine ganze Stadt das ungeheuerſte Opfer wirklich bringen wird. Da kann uns die Stimmung der guten alten Frau wirklich nicht mehr feſſeln.
*) Von den Charakteren, die überhaupt keine innere Entwicklung zeigen(z. B. Nettelbeck), iſt natürlich hier abzuſehen.


