Aufsatz 
Eignet sich Heyses Kolberg zur dramatischen Anfangslektüre in Untersekunda?
Entstehung
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Nun gehört aber auch eine ſteigende Handlung zu dem Höhepunkte. Sie hat die Aufgabe, uns mit dem Werden des im Göipfel Dargeſtellten bekannt zu machen, unsdie inneren Vorgänge, welche der Menſch vom Aufleuchten einer Empfindung bis zu leidenſchaftlichem Begehren und Handeln durch⸗ macht*), erkennen zu laſſen. Wie dies geſchehen kann, zeigt uns die ſteigende Schweizerhandlung. Zu Anfang des Dramas lernen wir ein harmloſes Naturvolk kennen. Wir werden dann Zeugen des Trei⸗ bens der Vögte, ſehen, wie aus dem Unwillen hierüber zunächſt bei einzelnen der Wunſch nach Befreiung und der Entſchluß zum Handeln entſteht. Schließlich nach Ueberwindung aller Zweifel, aller Schwächen erfaßt das ganze Volk ein leidenſchaftlicher Wille, der in dem Schwur auf dem Rütli ſeinen Ausdruck findet. Auch der von Haus aus nicht mit den Schweizern fühlende Zuſchauer wird fortgeriſſen durch dieſes dramatiſche Pathos. Das treibende Moment bildet bei dieſer aufſteigenden Handlung das Gegen⸗

ſpiel. Die Gewaltherrſchaft der Vögte muß uns vor Augen geführt werden; denn nur ſo verſtehen wir das Vorgehen der Schweizer.

Es muß uns unter dieſen Umſtänden auffällig erſcheinen, daß das Gegenſpiel in Heyſes Kolberg faſt vollſtändig fehlt. Sein einziger Vertreter iſt der franzöſiſche Parlamentär, der IV 3 bei Ueber⸗ reichung des Briefes einige Worte ſpricht. Von einem anderen Parlamentär wird I, 2 und 4 geſprochen. Außerdem hören wir einiges von dem Vorrücken der Parallelen, dem Sturm auf den Wolfsberg, Bom⸗ bardement und ähnlichem.

Daß natürlich eine Gegenüberſtellung von Spiel und Gegenſpiel etwa in großen Streitſzenen nicht möglich war, erklärt ſich bei einer Belagerung aus der Natur des Stoffes. Aber es lag auch nicht im Plan des Dichters, den prinzipiellen Gegenſatz beider Parteien, Kosmopolitimus und nationale Geſinnung, in den Brennpunkt des Intereſſes zu rücken. Allerdings tritt Heinrich, der Träger der Nebenhandlung, anfänglich als Vorkämpfer Napoleons und des Weltbürgertums und ſomit als Förderer des Gegenſpiels auf. Aber ſein Wirken wird keineswegs zum bewegenden Prinzip der Haupthandlung. Es gewinnt erſt ganz am Schluſſe für dieſe Bedeutung. Fragt man nun, ob ſich vielleicht wenigſtens eine Steigerung des Kriegsglücks des Gegenſpiels nachwei en läßt, die bei den Belagerten etwa ein Wachſen des patriotiſchen Opfermuts zur Folge habe, ſo ſei dieſe Frage zunächſt nur einmal für die 3 erſten Akte beantwortet. In ihnen iſt ein ſolches Anſteigen zu der Höhe keineswegs bemerkbar. Akt I und II führen uns einen Erfolg der Belagerten vor Augen. Nettelbeck hat mit Roſes Hilfe ein Hin⸗ dernis, das einer kräftigen Weiterführung der Verteidigung im Wege ſtand, in der Perſon Loucadous beſeitigt und das Erſcheinen eines neuen, tüchtigen Kommandanten durchgeſetzt. Er hat für neuen Proviant geſorgt(II 4). Doch bald(III 1) erfahren wir, daß wieder Hungersnot herrſcht, auch ſind die Parallelen des Feindes näher gerückt(III 2). Dafür iſt es aber Gneiſenau gelungen, die verwahr⸗ loſten Feſtungswerke auszubeſſern und die Wälle neu zu armieren(III 2). Die innere Gefahr, die Rebellion Heinrichs, wird durch ſeine Energie raſch beſeitigt(III 9). Verhängnisvoll für die nationale Sache ſcheint freilich Danzigs Fall zu werden(III 6). Doch kommt gleich nach der Nachricht von dieſem Ereigniſſe die wichtige und erfreuliche Kunde, daß es Nettelbeck gelungen ſei, ein Schiff mit Munition, das verloren ſchien, glücklich in den Hafen zu bringen.

Ende II ſcheint das Auftreten des neuen Kommandanten einen inneren Fortſchritt zur Höhe hin für die Kolberger bedeuten zu ſollen: ein Wachſen ihres Opfermutes. Die Bürger geloben nämlich Gneiſenau, durch ſeine mannhaften Worte hingeriſſen,Treue bis zum Tode. Doch mißt Gneiſenau, wie aus IV hervorgeht, dieſem Gelöbnis keine allzu große Bedeutung bei, und in III7 zeigt ſich auch tatſächlich ein ganz anderer Geiſt in den von Heinrich geführten Bürgern.

So wechſelt bis zum Ende des III. Aktes Erfolg und Mißerfolg; bald herrſcht begeiſterter

*) Freytag, Techn. 7. Aufl. S. 18