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zunächſt nur im allgemeinen bemerkt, daß man, wo ſich ſolche einteiligen Dramen nachweiſen laſſen, den Ausdruck Höhe wohl beſſer überhaupt meidet. Wir verbinden mit ihm nun einmal die Vorſtellung der gebrochenen Linie, alſo eines Steigens und Fallens der Handlung. Der Höhepunkt bezeichnet den Abſchluß einer Entwickelung(ſteig. Handlung) durch irgend etwas Entſcheidendes(in der Regel wohl eine Tat, ein Entſchluß), das eine veränderte Richtung der Handlung und andere Geſtaltung des Schickſals zur Folge hat(fallende Handlung). Kommt es dem Dichter gleichmäßig auf die ſteigende und fallende Handlung an— und das iſt meiſt der Fall—, ſo liegt der Höhepunkt in der Mitte, alſo beim 5⸗aktigen Drama im 3. Akte, dem„Akt des Höhepunkts“. Wir haben dann ein normal gebautes Drama. Sehr im Gegenſatz zu Gloel hat nun Gereke unſer Schauſpiel als ein ſolches Normaldrama betrachtet. Seiner Anſicht nach liegt der Höhepunkt— auch der der Haupthandlung— in III6— 10. Ihm ſollen 3 Stufen ſteigender Handlung vorangehen, 3 Stufen fallender Handlung folgen— eine erſtaunliche Regelmäßigkeit des Baues, die ſich indes bei genauer Prüfung als haltlos erweiſt. Die Worte Gneiſenaus III 10:„Jetzt ruft die Pflicht: dem Feind zu zeigen, daß uns Danzigs Unglück noch nicht entmutigt, daß zur rechten Zeit die See, die uns verbündet, Hilfe brachte,“ ſollen den Höhe⸗ punkt des Schauſpiels bezeichnen, da hier„der Höhepunkt in der Hoffnungsfreudigkeit für Kolbergs Rettung“ gegeben ſei,„nicht als ob die Bürger jetzt am zuverſichtlichſten auf Rettung hofften, ſondern weil ihr Heldenmut trotz der wachſenden äußeren und der glücklicherweiſe abgewandten inneren Gefahr dieſe Hoffnung auch jetzt nicht aufgibt“. Dagegen iſt nun erſtens zu ſagen, daß es unrichtig iſt, hier von einer Hoffnungsfreudigkeit der Bürger im allgemeinen zu ſprechen. Ihre Stimmung in den vor⸗ hergehenden Szenen(III7— 9) iſt alles andere eher als hoffnungsfreudig; und die oben angeführten Worte Gneiſenaus geben lediglich deſſen perſönliche Anſchauung wieder, ein Zeichen des Beifalls erfolgt von keiner Seite. Sodann iſt der Höhepunkt überhaupt nicht nach dem Grade der Hoffnungsfreudigkeit zu beſtimmen. Er iſt der Punkt des Dramas, wo ſich die Willenskraft zur entſcheidenden Tat, zum entſcheidenden Entſchluſſe erhebt.
Eine ſolche Stelle iſt tatſächlich in Heyſes Kolberg*) vorhanden, ſchon äußerlich als Höhepunkt gekennzeichnet durch die Art und Weiſe, wie der Dichter die betreffende Szene ausgeführt hat. Es iſt die Szene IV 9, von der G. Brandes(Moderne Geiſter S. 23) ſagt, Heyſe habe ſie con amore ge⸗ ſchrieben, und die er(S. 22) die entſcheidende und ſchönſte nennt; der Punkt des Schauſpiels, an dem die Franzoſen ſo weit ſind, daß ſie den Sturmangriff mit ſicherer Ausſicht auf Erfolg unternehmen können, die Kolberger aber den Entſchluß faſſen, für ihr Vaterland zu ſterben. Wenn Gloel zur Recht⸗ fertigung ſeiner Anſicht vom Höhepunkt(S. 32) ſagt, nicht nur die Bedrängnis der Stadt, ſondern auch die Aufopferungsfreudigkeit der Kolberger ſteigere ſich bis zum Schluſſe, ſo darf man das letztere wohl bezweifeln. Nach dem feierlichen Gelöbnis IV 9 kann nicht gut von einer weiteren Steigerung des Opfermutes die Rede ſein. Sehr richtig ſagt Geibel(Aphorism. 13): Der Gipfel der dramatiſchen Fandlung iſt nicht der Moment, in dem die Tat ausgeführt, ſondern derjenige, in welchem der Ent⸗ ſchluß zur Tat unumſtößlich gefaßt wird.
Wenn wir alſo bei der Betrachtung der Haupthandlung unſeres Schauſpiels von einem Höhe⸗ punkt reden wollen, ſo dürfen wir wohl IV 9 als ſolchen anſehen. Gilt doch auch der Rütliſchwur**) als Höhepunkt der Schweizerhandlung in Tell, einem Drama, in dem ja die Dinge in mancher Be⸗ ziehung ähnlich liegen wie in Kolberg.***)
*) Von der Nebenhandlung ſei zunächſt abgeſehen. *) Freytag, Techn. 7. Aufl. S. 175 und Unbeſcheid, Beitr. z. Behandl. d. dram. Lekt. 2. Aufl., S. 62. **r) Gereke weiſt(S. 65— 69) zahlreiche Anklänge an Schillers Tell nach und nimmt an, daß Heyſe, freilich ohne ſich deſſen bewußt zu werden, durch dieſe Dichtung beeinflußt worden ſei.


