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beſchließen unter dem Eindrucke von Zipfels Rede die Bürger. Heinrich, der alles mitangehört hat, ſoll zur Strafe für ſeine vaterlandsloſe Geſinnung allein am Leben bleiben. Dies bringt bei ihm einen plötzlichen Umſchwung der Geſinnung hervor. 10. Er eilt davon mit dem Vorſatz, durch den Tod für ſein Vaterland ſeine Schuld zu ſühnen.
Akt V(Zimmer im Blankſchen Hauſe). 1.—2. Vergebens bemühen ſich Roſe und Zipfel, Mutter Blank zur Flucht aus der Stadt zu veranlaſſen. 3. Erſt Nettelbeck gelingt es, ſie hinauszu⸗ führen. 4. Nachdem darauf Würges den Rektor Zipfel, den er III 3 gekränkt, um Verzeihung gebeten hat, kommt(5.) Roſe wieder und gleich darauf Heinrich. Sein feſter Entſchluß iſt es,„ſterbend ſeine Ehre reinzuwaſchen“, und nach herzlichem Abſchied von ſeiner Schweſter eilt er fort, um ſich dem Schill⸗ ſchen Korps anzuſchließen. 6. Da erkennt Roſe vom Fenſter aus, daß es den Franzoſen gelungen iſt, durch Zerſtörung eines Schleuſenwerkes überſchwemmtes Gebiet trocken zu legen und ſich ſomit eine Bahn zum Angriff zu ſchaffen. 7. Zwar eilt Nettelbeck mit bewaffneten Bürgern an die bedrohte Stelle, aber an einen Erfolg iſt nicht mehr zu denken. 8. Auch Roſa entſchließt ſich jetzt mit ihrer in⸗ zwiſchen zurückgekehrten Mutter, den Untergang der Stadt nicht zu überleben. 9.— Ende: In dem Augenblick, in dem Gneiſenau die Anordnung zum letzten Kampf trifft, erfolgt ganz überraſchend die Löſung. Durch eine kühne Tat Heinrichs iſt Loiſon genötigt worden, den ihm ſchon ſeit 3 Tagen be⸗ kannten, aber den Belagerten verheimlichten Waffenſtillſtand zwiſchen Preußen und Frankreich anzuer⸗ kennen.
Aufbau der Handlung.
Faſſen wir den Inhalt des Ganzen in kürzeſter Weiſe zuſammen, ſo ergibt ſich folgendes als Idee des Schauſpiels:
Zu einer Zeit, wo auf Rettung nicht mehr zu rechnen iſt, beſchließt die von den Franzoſen belagerte Beſatzung und Bürgerſchaft Kolbergs, die Stadt bis zum letzten Atemzuge zu verteidigen, um damit dem tief gedemütigten Preußenvolke ein Beiſpiel vaterländiſcher Geſinnung zu geben(zu dem⸗ ſelben Entſchluß bekehrt ſich ein Anhänger des Weltbürgertums). Angeſichts des ſicheren Todes werden die Tapferen durch die überraſchende Nachricht von dem Abſchluß eines Wafefenſtillſtandes im letzten Augenblick noch gerettet.—
Hiervon ausgehend haben wir zunächſt Spiel und Gegenſpiel feſtzuſtellen. Als Vertreter des Spiels ſind die vaterländiſch geſinnten Kolberger zu betrachten. Alſo nicht ein einzelner, ſondern die Geſamtheit der bürgerlichen und militäriſchen Inſaſſen der Feſtung iſt als Träger der Handlung anzuſehen. Ihr Beſtreben iſt zunächſt, die Feſtung zu behaupten. Die Feſtung zu nehmen, iſt das Beſtreben des Gegenſpiels, der Franzoſen. Aus dieſem Gegenſatze geht die Haupthandlung hervor. Mit Recht ſcheidet Gereke(a. a. O. S. 25— 27) von ihr die Nebenhandlung Heinrichs*). Dieſer unterſtützt bis IV9 die Beſtrebungen des Gegenſpiels. Deshalb iſt aber doch die von ihm vertretene Handlung nicht ſchlechtweg als das Gegenſpiel zu bezeichnen, wie das Gloel tut(a. a. O. S. 8). Ebenſo ungenau wäre es, wenn man Rudenz als das Gegenſpiel dem Spiele Tells und der Eidgenoſſen gegenüberſtellen wollte.„Die eigentlichen Gegenſpieler ſind... immer die Feinde,“ ſagt Gereke in Bezug auf Kolberg zutreffend.—
Die Frage, wo der Höhepunkt zu ſuchen ſei, iſt weder von Gloel noch von Gereke richtig beantwortet worden. Erſterer nimmt(S. 32) an, die Höhe falle mit dem Ende des Schauſpiels zu⸗ ſammen und behauptet(S. 33), es gebe auch Dramen, deren„Handlung einteilig“ ſei. Hiergegen ſei
*) Auch Freytag ſagt a. a. O. von Heinrich:„er tritt nur epiſodiſch ein“.


