Aufsatz 
Eignet sich Heyses Kolberg zur dramatischen Anfangslektüre in Untersekunda?
Entstehung
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u. Bekenntn. 3. S. 367) im Hinblick auf einen ihm oft gemachten Vorwurf, ſeine Dramen ſeien zu novelliſtiſch geartet:Es hätte mich nicht gewundert, wenn man meinemKolberg ſeinen ſehr epiſchen Gang zum Vorwurf gemacht hätte und die Charaktere, die das Verdienſtvollſte von dieſem Stücke ſind, doch nur alsnovelliſtiſch ſich hätte gefallen laſſen. Und doch iſt der alte Vorwurf bei dieſem Schau⸗ ſpiele nie laut geworden, dagegen habe ich ihn bei Stücken vom energiſcheſten Bühnenſchritt... reich⸗ lich zu hören bekommen... Irrig iſt hierbei nur die Meinung Heyſes, daß derepiſche Gang, d. h. der Mangel einer kräftig durchgeführten dramatiſchen Handlung von ſeiten der Kritik noch nicht hervorgehoben worden ſei. Bereits im Jahre 1871 hat G. Freytag(in der WochenſchriftIm neuen Reich I 1871 S. 18) mit allem Nachdruck darauf hingewieſen, daß das Stückdie wichtigſten Er⸗ forderniſſe des Dramas... vernachläſſige, daß eskeine dramatiſche Handlung, und keine einzige Hauptperſon habe.Keine von allen größeren Rollen hat eine andere als lyriſche Bewegung, der Franzoſenfreund ausgenommen. Aber auch dieſer, der die gebotene Hauptfigur war, tritt nur epiſodiſch ein, ſein Auflehnen gegen Gneiſenau und die Umkehr zu der patriotiſchen Geſinnung ſeiner Landsleute ſind ſo unvollſtändig und im ganzen ſo wenig wirkſam dargeſtellt, daß kein volles Intereſſe an der Geſtalt aufkommt.

Daß dieſe Anſicht keineswegs die ihr gebührende Achtung gefunden hat, beweiſen ſpäter ver⸗ öffentlichte Urteile über Kolberg, von denen hier vor allem eines genannt ſei, das ſich an einer (wenigſtens für pädagogiſche Kreiſe) hervorragenden Stelle findet(Wendt, Dt. Unt. 2[ſiehe Baum. Hdb. III7] S. 39). Es heißt hier, daß Kolbergeine Stelle in der Reihe unſerer wirklich klaſſiſchen Dramen gebührt.*)

Die Beantwortung unſerer oben aufgeworfenen Frage hängt natürlich weſentlich davon ab, ob ſich die Freytagſche Anſicht begründen läßt. Vergegenwärtigen wir uns zunächſt kurz den Inhalt!

Inhalt des Schauſpiels.

Akt I(Zimmer im Hauſe der Witwe Blank): 1. Ein Geſpräch zwiſchen Roſe Blank und dem Leutnant Brünnow macht uns mit der Lage, in der ſich die von den Franzoſen bedrängte Feſtung be⸗ findet, ſowie mit der Napoleonſchwärmerei Heinrichs(weiteres darüber I, 3 u. 4) bekannt. 2. Darauf tritt Heinrich, Roſes Bruder, ein und kommt, da er weiteren Widerſtand für Wahnſinn erklärt, mit Brünnow in einen Streit, der mit Beleidigungen endigt. 3. Nur durch Roſes Bemühung wird ein Zweikampf vermieden. 4. Von der auf der Straße verſammelten Menge mit Hochrufen begrüßt, erſcheint nun Nettelbeck und erzählt, daß er ſoeben mit knapper Not die Kapitulation, die der alte, unfähige Feſtungs⸗ kommandant Loucadou mit einem franzöſiſchen Parlamentär abſchließen wollte, durch energiſches Da⸗ zwiſchentreten verhindert habe. 5. Das Eintreten des Schiffers Arndt, der im Begriff iſt, nach Memel zu fahren, bringt Nettelbeck auf den Gedanken, den dort weilenden König brieflich um Sendung eines tüchtigen Kommandanten für Kolberg zu bitten. 6. In Roſes Beiſein ſchreibt er auch ſofort den Brief. 7. 11. Ein Abſenden desſelben wird ihm jedoch unmöglich. Denn ein Gefreiter mit zwei Mann erſcheint, um Nettelbeck wegen ſeines I 4 geſchilderten Auftretens dem Kommandanten gegenüber zu arretieren.

*) Zu vergleichen ſind auch die der Freytagſchen Anſicht widerſprechenden Urteile von A. Stern Grenz⸗ boten 1881, II S. 481 u. E. Petzet in Weſterm. Monatsheften Bd. 95(1903/04) S. 412. Petzet rühmt u. a.die prachtvolle Steigerung, dieFülle von überraſchenden und doch aus dem tiefſten Weſen der Menſchen hervorgehenden Wendungen der Handlung. Er findet in dem IV. Akteden Gipfel der dramatiſchen Wirkſamkeit, der nicht leicht überboten werden kann. Es ſei übrigens hervorgehoben, daß Gloel a. a. O. die Berechtigung des Fr.ſchen Urteils nicht verkennt.